09. bis 18.06.17 – Provinz Ontario, Teil 2

Auf dem Weg Richtung Bruce Peninsula National Park an der Spitze der gleichnamigen Halbinsel zwischen Georgian Bay und Lake Huron bietet die kleine, britisch geprägte Stadt Fergus ein nettes Zwischenziel für eine Pause. Von Owen Sound an folgen wir der Küstenlinie auf der Road 1, an der wir die Besitzer der vielen idyllisch gelegenen Wassergrundstücke direkt an der Georgian Bay beneiden. Für eine Übernachtungsstelle für uns ist hier allerdings kein Platz, auch auf den raren Parkplätzen ist das Stehen über Nacht verboten. Wir finden aber einen recht schönen Platz direkt an der Bucht in Wiarton.
Im Bruce Peninsula National Park sehen wir auf den Trails zu Little Cove, Grotto und Singing Sands mehrere Arten wilder Orchideen. Auch ansonsten lohnen sich die kleinen Wanderungen, vor allem wegen der idyllischen Badebuchten mit glatten, begehbaren Kalksteinfelsen und glasklarem Wasser.

Von Tobermory aus gönnen wir uns einen Ausflug mit dem Boot zum Flowerpot Island, welches zum Fathom Five National Marine Park gehört. Die namengebenden Felsenformationen sind offenbar vor allem mal wieder bei Japanern beliebte Fotomotive (Man trifft sie wirklich überall und in großer Zahl. Sind eigentlich noch welche in Japan geblieben?). Eigentlich wird die Tour als „Glass Bottom Boat“-Tour mit Schiffswrackbesichtigung beworben. Die Glasböden erweisen sich aber als kleine Gucklöcher, um die man sich drängen muss -ein Witz- und die Schiffswracks liegen direkt in einer kleinen Hafenbucht im flachstem Wasser. Warum diese gerade hier gesunken sein sollen, erschließt sich uns wirklich nicht. Wir vermuten, dass hier für die Touristen etwas nachgeholfen wurde, beweisen können wir es natürlich nicht. Dafür sind die kleinen Wanderungen auf der Insel recht nett, aber als angepriesenes Highlight empfinden wir es eher auch als eine Touristenfalle. Wir beschließen daher nach dieser Erfahrung, derartige „Attraktionen“, die für relativ viel Geld angepriesen werden, nur noch in gut begründeten Ausnahmefällen mitzumachen.

Nach der 2stündigen Fährüberfahrt von Tobermory nach Manitoulin Island erreichen wir am späten Nachmittag Sault Ste. Marie, wo wir zu einer unplanmäßigen Übernachtung gezwungen werden. Ralf verliert nämlich beim Abendbrot eine Zahnkrone (wunderbares Gefühl, wenn der abgeschliffene Zahn so freiliegt). Gott sei Dank wird die Krone nicht auch noch verschluckt. Nachdem uns das Navi ein halbes Dutzend „Dentists“ in der Stadt angegeben hat, stehen wir um 18.30 Uhr beim nächstgelegenen Dental Office, um nach dessen Öffnungszeiten für den nächsten Tag zu schauen. Durch das Fenster winkt uns die Putzfrau zu und wir winken zurück. Da sie merkt, dass wir nach den Öffnungszeiten schauen, öffnet sie die Tür einen Spalt und fragt, ob sie uns helfen kann. Wir erklären ihr den Notfall und sie eilt spontan nach hinten, da noch ein Zahnarzt da zu sein scheint. Und tatsächlich: Nach zwei Minuten werden wir beide hineingebeten und von einem sehr freundlichen Doktor, der noch in Arbeitskleidung, aber natürlich schon im Feierabendmodus ist, begrüßt. Wir erklären ihm das Problem und kommen ins Gespräch. Dabei erfahren wir, dass er schon durch einige Städte in Deutschland gereist ist und mit der Gastfreundschaft der Deutschen (glücklicherweise, wir staunen) gute Erfahrungen gemacht hat. Bis auf eine Sprechstundenhilfe haben die Schwestern schon Feierabend, so dass er uns nicht sofort helfen kann. Dafür führt er uns spontan durch die recht große Praxis mit mehreren Behandlungsräumen, setzt sich an den Computer und reserviert uns einen Termin für den nächsten Vormittag. Nebenbei fragt er uns, wo wir denn heute überhaupt übernachten. Da wir ja in der Stadt bleiben müssen und nun auch keine Lust mehr auf eine Stellplatzsuche haben, müssen wir wohl auf den nächstgelegenen Campingplatz. Sogleich sucht er diesen am PC heraus und druckt uns Adresse und Wegbeschreibung aus. Wir sind sehr froh über so viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Ob wir selbst mit einem Ausländer, der nach Feierabend mit einem Anliegen an unsere Praxis geklopft hätte, so verfahren wären? Da werden wir sehr nachdenklich und haben wohl wieder etwas gelernt….
Es ist bezeichnend für das Gesundheitssystem auch hier in Kanada, dass wir versichern mussten, die Leistungen natürlich privat und sofort nach Behandlung zu bezahlen. Aber klar, wahrscheinlich haben die Ärzte hier mit der direkten Abrechnung über Versicherungen, erst recht wahrscheinlich über die Auslandskrankenversicherungen von Reisenden, ähnliche Probleme wie wir sie auch bei uns zu Genüge kennen. Dafür haben wir volles Verständnis.
Am nächsten Vormittag wird die Behandlung ohne viel Bürokratie, dafür gefühlt sehr kompetent und wieder extrem freundlich von Arzt und Mitarbeitern ausgeführt. Vielen herzlichen Dank, Mark (falls Du diese Zeilen liest), für Deine unkomplizierte, selbstverständliche Hilfe, das nette Gespräch und Deine Tipps für die Weiterreise!
Mit heiler Krone und Ralfs viel besserem Gefühl im Mund übernachten wir diesmal endlich wieder freistehend, zudem an einer tollen Stelle: unmittelbar am Ostufer des Lake Superior, dem nach dem Kaspischen Meer zweitgrößtem See der Erde, direkt an der Einmündung des Montreal River. Schöner könnte es nicht sein und nur die dichten Mückenscharen trüben das Erlebnis etwas. Diese begleiten uns leider auch die meiste Zeit im Lake Superior Provincial Park. Im Gegensatz zu den meisten Nationalparks ist in den Provincial Parks trotz des 150 Jahre Kanada-Jubiläums (davon sind doch auch die Provinzen betroffen – oder?) eine Gebühr zu entrichten und der Nachweis muss sowohl hinter der Windschutzscheibe platziert als auch am Mann mitgenommen werden. Ein Abstecher zu den Agawa Rock Pictographs lohnt sich für anthropologisch Interessierte, die dort mehrere hundert Jahre alten Felszeichnungen vorfinden. Wir wandern den Orphan Lake Trail um den gleichnamigen See und an seiner Wendung mit schönem Blick auf den Lake Superior, heute allerdings eigentlich nur mit Mückennetz über dem Kopf (mückendichte Kleidung sowieso) zu bewältigen. Weniger kleine Blutsauger stören uns an der hübschen Old Woman Bay. Woher der Name kommt, bleibt allerdings ein Rätsel. Das Gesicht einer alten Frau sehen wir jedenfalls auf den Klippen nicht. Dort laufen wir auch einen Teil des Nokomis-Trails, bevor wir am nächsten Tag auf dem Highway 17 den Pukaskwa National Park erreichen wollen. Leider regnet es die ganze Nacht und auch am Vormittag bestimmen Regen und dichter Nebel das Bild. Der geplante 18 km-Trail im Park, der partiell durch Sumpfgebiet führt, wäre also wohl ohne hohe Stiefel nicht begehbar gewesen, zudem ist die Sicht schlecht. Wir beschließen also, den Park auszulassen und steuern stattdessen den kleineren Sleeping Giant Provincial Park am Nordwestufer des Sees an. Immerhin haben wir hier am Nachmittag nach Auflösung des Nebels fast durchgehend Sonne und von mehreren Aussichtspunkten sehr schöne Sicht auf den Lake Superior, besonders von der Terrasse vom Beobachtungspunkt Thunder Bay Lookout, auf der man 100 m hoch über dem See steht.

Thunder Bay bietet als Stadt wohl nicht ganz so viel, obwohl wir es zugegebenermaßen auch nicht versuchen, sondern lediglich eine Führung durch den Fort William Historical Park unternehmen. Diese rentiert sich aber für Interessierte der Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts auf jeden Fall. Zu sehen sind 42 historische Gebäude im Fort, voll mit historischen Gegenständen und auch Gewerben. Einige traditionell gekleidete Museumsmitarbeiter erklären u.a. wie alte Waffen hergestellt und repariert, Boote für die Handelsfahrten bis nach Montreal gebaut wurden sowie heroische alte Medizin ohne Anästhesie (außer mit Opium!) und mit alten Hausmitteln betrieben wurde.

Vom Highway 11 zwischen Thunder Bay und Fort Frances ist ein Abstecher in den etwas abgeschiedenen Quetico Provincial Park sehr zu empfehlen. Neben dschungelartigen Trails vorbei an idyllischen Seen, von denen wir den Whiskey Jack Natural Trail und den Pines-Trail (zusammen ca. 12 km) wandern, bietet der Park auch viele Campingmöglichkeiten im Hinterland außerhalb der normalen Campingplätze sowie die Möglichkeit von ausgedehnten Kanurouten auf seinen weit verzweigten Wasserwegen.