26.06. bis 06.07.17 – Hin und Her zwischen den Provinzen Alberta und British Columbia, Teil 1

Auf dem Weg von unserem (teuren und wenig attraktiven) Campingplatz in Lethbridge nach Calgary führt die Straße durch Fort Macleod. Für die im Stil alter Westernstädte restaurierten Häuser der Main Street lohnt sich zumindest ein kurzer Fotostopp, wenn auch unsere Erwartungen von den Fotos auf den Prospekten etwas höher waren.
Das Weltkulturerbe mit dem merkwürdigen Namen Head-Smashed-In Buffalo Jump, nach einem Abzweig 18 km von Fort Macleod entfernt, ist auf jeden Fall einen Abstecher wert, vor allem wenn man sich für indianische Geschichte interessiert. Die Blackfoot-Indianer jagten hier ganze Büffelherden mit einer ausgefeilten Taktik eine steile Felswand hinunter und sicherten sich dadurch das Überleben im Winter. Mit Filmen und vielen Exponaten wird das Leben und die Jagd der Ureinwohner sehr anschaulich dargestellt.

In Calgary übernachten wir an einer der südlichen Bahnstationen auf einem Walmart-Parkplatz. Wieder mal gibt es offensichtlich keine einheitlichen Richtlinien. Auf dem Parkplatz selbst stehen überall Schilder „Nur für Kunden und nur für 3 Stunden“. Gut, Kunden sind wir, weil wir in der Regel auch immer einkaufen gehen. Wir fragen also im Markt nach. Der erste Mitarbeiter am Eingang weiß gar nichts und verweist uns an den Kundenservice. Die dortige nette Mitarbeiterin sagt: „Natürlich, kein Problem, auch für 2 Nächte möglich“. Unsere Freude dauert aber nur kurz, denn wenig später parkt neben uns ein Auto, dem eine sehr selbstbewusst wirkende Dame entsteigt, die uns mitteilt, dass wir zwar (wenn auch offenkundig nicht gerne) eine Nacht bleiben können, aber morgen früh „first thing in the morning!“ den Parkplatz wieder verlassen müssen. Wir sagen, dass wir im Markt andere Information erhalten haben. Das wird allerdings nicht akzeptiert, sie sei die Managerin des Marktes. Leider gibt es wohl keine einheitlichen Regelungen, was uns auch schon auf anderen Walmart-Parkplätzen aufgefallen ist. Wir verstehen das nicht. Wen stören die wenigen Wohnmobile, die sich auf die abseits gelegenen, ohnehin von den „normalen“ Kunden kaum genutzten Parkplätze stellen? Wir haben noch nie erlebt, dass diese riesigen Parkplätze voll werden. Wie auch immer, wem nützt es, uns ganz früh vom (großen und leeren) Platz zu jagen – andere Wohnmobile übrigens auch, mit dem schriftlichen Hinweis hinter dem Scheibenwischer, dass hier tagsüber nicht geparkt werden darf? Der Sinn erschließt sich uns vor allem aus kaufmännischer Sicht gar nicht. Wenn (und das machen viele, weil einfach die Gelegenheit da ist), dann wird doch in der Regel im Markt eingekauft, bevor man in die Stadt fährt oder eben danach, oder geht einen Kaffee trinken etc.. Das ist doch letztlich der Hintergrund, warum Wohnmobile über Nacht die Erlaubnis zum Stehen erhalten, damit die Besitzer im Markt einkaufen und eben nicht nur die Toiletten nutzen oder den Abfall entsorgen (was sie natürlich auch tun). Warum wir also in aller Frühe ohne Not vom Platz gejagt werden, ist aus wirtschaftlicher Sicht des Marktes Nonsens, kundenfreundlich ist es ohnehin nicht.
Wir fahren also notgedrungen schon gegen 07.30 Uhr auf einen Park and Ride Parkplatz an der nächstgelegenen Bahnstation. Hier sind laut Schilder allerdings sämtliche(!) Plätze (bestimmt 200) reserviert. Parken ist hier auch gegen Gebühr nicht möglich, mit Abschleppen wird gedroht. Dasselbe auf dem ebenso großen Park and Ride der nächsten Bahnstation. Wie freundlich gegenüber Besuchern, die nicht in der Stadt arbeiten und in der Nähe wohnen! Touristenfreundlich ist das Alles nicht. Aber wir wollen nicht nur schimpfen: Immerhin finden wir einen Parkplatz in einem Wohngebiet in der Nähe der Bahnstation und die Preise pro Ticket für den Zug sind mit etwas über 3 Dollar auch sehr moderat.
Belohnt wird der kleine Ärger am Morgen aber dann mit einer sehr ansehnlichen Innenstadt. Sehr viel Historisches ist nicht zu besichtigen, dafür aber schöne ältere Fassaden entlang der Stephen Avenue und ein weiter Ausblick vom bereits 1968 errichteten Tower. Wir sehen neben der überschaubaren, aber in buntem Glas glitzernden Skyline, bei gutem Blick in der Ferne die Rocky Mountains. Folgt man der 3rd Street über den Bow River zu dem grünen Prince‘s Island Park, genießt man neben den schön angelegten Grünflächen einen prima Blick auf die Downtown. Die recht junge Stadt ist seit den 1870er Jahren stetig gewachsen und das nimmt kein Ende: Überall sind Baustellen und riesige Kräne am Werk, die weitere Wolkenkratzer bauen, welche sogar den mittlerweile etwas verloren wirkenden Tower deutlich überragen. Auch hier gibt es wie in Winnipeg mehrere Skywalks, über die viele Gebäude der Innenstadt verbunden sind, die sich so auch bei schlechtem Wetter unproblematisch erreichen lassen. Übrigens erscheint das Parken in der Nähe der Innenstadt mit völlig unüberschaubaren Verbots- und Drohschilderwäldern vor und auf den wenigen Parkplätzen genauso problematisch zu sein, wie in den Außenbezirken.
Auf einen Walmart-Parkplatz oder ähnliche Stellplätze haben wir dann auch keine Lust mehr und finden am späten Nachmittag auf unserem Weg in die Rocky Mountains einen schönen ruhigen Stellplatz am Ufer des Sheep Rivers.

Wir „betreten“ gewissermaßen die Rocky Mountains über das Kananaskis Country, das im Süden an den Banff National Park grenzt. Hier wandern wir am Highwood Pass den Highwood Meadow Trail und den Ptarmigan Cirque Trail von 2.200 – 2.450 m Höhe bis über die Baumgrenze. Gewarnt wird eindringlich vor Grizzly- und Schwarzbären und entsprechende Vorsichtsmaßnahmen werden dringend empfohlen (lautes Unterhalten, Bärenglocken, Bärenspray, keine Nahrungsmittel und kein Abfall liegen lassen etc.). Die Kanadier selber nehmen das auch sehr ernst, wandern ebenfalls mit Glocke und Spray, was uns zu denken gibt. Bärenattacken auf Menschen werden hier in der Gegend beschrieben. So groß ist dieses Land. In Nova Scotia wurden wir im Supermarkt bei der Frage nach Bärenspray noch belächelt („Gibt es so etwas?“). Das kannte dort keiner und es war selbst bei Canadian Tire nicht gelistet. Wir sehen (leider oder Gott sei Dank) keinen Bären, dafür noch Ende Juni viele Schneefelder und eine beeindruckende Kulisse von mehreren schroffen, felsigen Bergen von um die 3.000 m Höhe. Die einem Präriehund ähnlichen, aber anders gezeichneten Ground Squirrel strecken entlang des Weges überall ihre Köpfchen aus den Höhlen zwischen den alpinen Gräsern und Blumen und lassen den Menschen relativ nah an sich heran. Am nächsten Morgen wollen wir um den Upper Kananaskis Lake wandern. Am Beginn des Trails treffen wir am See Richard, einen kanadischen Guide und Landschaftsfotografen, der uns spontan anspricht. Über eine Stunde erklärt uns der leidenschaftliche Wanderer die Gegend und zeigt uns einige seiner beeindruckenden Fotoalben, die er eines nach dem anderen aus dem Auto herauskramt. Auf seine Empfehlung ändern wir dann auch unseren Plan und wandern, vom Upper Kananaskis Lake beginnend, den recht steilen Trail zum Rawson Lake, einem Bergsee aus hellblauen Gletscherwasser, der direkt vor der mit Schneefeldern bedeckten Wand eines der Dreitausender liegt, die das Areal kesselartig umgeben. Wir können so auch erahnen, was Richard meint, wenn er Kananaskis Country als seinen Favoriten in den Rockies bezeichnet, auch deshalb, weil man sehr nah an die beeindruckenden Steilwände der Berge herankommt. Danke für die Tipps und die netten Gespräche, Richard!

Am selben Nachmittag erhalten wir eine Nachricht von Marion und Bernd, die in Field auf dem Campingplatz übernachten und auf deren Platz noch der für ein weiteres Auto frei ist. Wir ändern also kurzfristig unseren Plan und treffen nach 2monatiger Reise am Abend wieder auf die Beiden.
Die nächsten zwei Tage wandern wir zu viert im Yoho National Park bei Sonne und nur vereinzelt ein paar leichten Regenschauern. Zunächst geht es um den Emerald Lake, ein durch den Abrieb vom Felsgestein blau-grün schimmernder See, am nächsten Tag etwas länger und anspruchsvoller entlang des Yoho Rivers, ausgehend von den Takakkaw Falls (254 m hoch) zu den Laughing Falls (30 m hoch) und Twin Falls (180 m hoch). Insbesondere die beiden letzteren Wasserfälle beeindrucken in ihrer natürlichen Umgebung aus sattgrünen Wäldern und hochaufragenden Felsen, in die sich der gletscherblaue Yoho River tief eingeschnitten hat und in den die beeindruckenden Wassermassen mit lauten Getöse stürzen.
Es ist auch im Weiteren müßig, die gigantische Landschaft der Rocky Mountains hier ausführlich beschreiben zu wollen. Worte reichen eigentlich nicht aus. Wir lassen deshalb lieber ein paar Bilder sprechen, welche die Eindrücke noch am Ehesten widerspiegeln können.
Wir hatten zwei unvergessliche Tage mit tollen Naturerlebnissen, netten und lustigen Gesprächen und gemütlichen Abenden am Lagerfeuer. Lieben Dank für die schöne Zeit, Marion und Bernd, weiter eine gute Reise und wir hoffen, wir sehen uns wie geplant auf der Tour wieder!

Wir wollen zunächst noch die beiden Nationalparks westlich der Rockies erkunden und erreichen nach Fahrt durch den Glacier National Park den westlich gelegenen Revelstoke National Park. Hier wollen wir eigentlich über den Meadows in the Sky Parkway fahren und eine kleine Gipfelwanderung unternehmen. Die Parkplätze am Ende des Parkway liegen aber immer noch unter einer Schneedecke, so dass die Straße leider nach dem 20. Kilometer gesperrt ist. Für mehr oder weniger schöne Ausblicke sind aber auf dem Parkway einige Aussichtspunkte zu finden. Interessanter im Revelstoke (wenn man nur mit dem Auto anfährt und nicht wandert, was wir hier nicht tun) finden wir die direkt am Trans-Kanada-Highway gelegenen Punkte Giant Cedars und Skunk Cabbage. Ersteres ist ein beeindruckender Rundweg durch einen Zedernwald mit riesigen Bäumen, die so alt sind wie Kolumbus, also aus dem 15. Jahrhundert stammen. Letzteres heiß übersetzt „Stinktier-Kohl“, obwohl die riesigen Salatblätter (sehen sehr appetitlich aus, eines würde für mehrere Portionen Salat reichen) in diesem Sumpfgebiet wohl auch sehr gerne von Bären gegessen werden, vor denen hier mit etlichen Schildern schon fast beschwörend gewarnt wird.
Im größeren Glacier National Park wandern wir bei bestem Wetter 600 Höhenmeter entlang dem Great Glacier Trail hinauf bis auf die Ausläufer der Reste von Gletscherzungen. Hier übersteigen wir stark eisenerzhaltiges, bizarr geformtes und gefärbtes Gestein dort, wo vor 100 Jahren noch meterdickes Gletschereis die Landschaft bedeckt hat. Der Gletscher selbst hat sich aber soweit zurückgezogen, dass er über normale Wandertrails nicht mehr erreichbar ist. Schade. Dennoch finden wir hier eine sehenswerte Gegend mit Wasserfällen, zerklüfteten Felsformationen und Schneefeldern.