22.08. bis 31.08.17 – …und zum Abschluss: Vancouver und Waterton Lakes National Park

Wir starten nach Vancouver direkt von der Bushaltestelle vor unserem Campingplatz Richtung Bahnstation King George. Der Busfahrer kann uns kein Tagesticket verkaufen, lässt uns aber bis King George im Vertrauen kostenlos mitfahren, weil wir dort das Ticket kaufen wollen. Wäre das in der Heimat auch so gelaufen? Das Tagesticket kostet dann pro Person und Tag 10 Dollar für die Nutzung von Bus und Bahn. Toll.
Wir wagen zunächst einen Ausblick vom Aussichtsturm Vancouver Lookout. Von dort haben wir einen 360°-Überblick über die Skyline, das Meer und die Berge. Man kann mit dem Ticket auch mehrmals am Tag hinauf, wenn das Wetter vielleicht nicht mitspielen sollte oder wenn man den Sonnenuntergang filmen möchte. Hier sehen wir auch gleich die Stärke der Stadt: Ihre enorme Vielfalt und ihre konkurrenzlos schöne Lage zwischen Ozean, zerklüfteten Uferlinien, den vorgelagerten kleinen Inseln und den am Horizont glitzernden schneebedeckten Felsmassiven.
Um es vorwegzunehmen: Die Bausubstanz der Stadt kann mit der genialen Mischung von historischen Monumenten und moderner Architektur von Montreal nicht mithalten. Dafür gefällt sie uns aber genauso sehr auf andere Weise, eben mit dieser tollen Lage, der genialen Infrastruktur und dem dadurch entstehendem Flair, was wir in zwei Tagen voll genießen.

Die beliebtesten Attraktionen sind sehr gut zu Fuß zu erreichen. In Gastown erinnern uns die Backsteingebäude mit den bunten Blumenampeln sehr an die schottischen Großstädte. Chinatown ist die drittgrößte Nordamerikas und wirkt etwas sauberer, als wir das bisher von den chinesischen Vierteln gewohnt waren. Am beeindruckenden BC-Stadium finden wir ein weiteres Denkmal von Terry Fox, wie schon an mehreren Orten zuvor, unter anderem auch in Victoria. Der an Knochenkrebs erkrankte junge Mann lief mit künstlichem Bein nach Amputation durch halb Kanada, um Spenden für ebenfalls an Krebs erkrankte Menschen zu sammeln. Leider beendete die Krankheit sein Engagement schon mit 22 Jahren. Die Kanadier verehren ihn entsprechend als Volkshelden.

So beeindruckend eine Wanderung an der Waterfront entlang ist, mit ihren riesigen Yachthäfen, Fahrrad- und Joggingstrecken und ihren vielen Grünflächen, so krass erscheinen die sozialen Unterschiede der Metropole. So groß wie die Häfen, so riesig sind auch die dort ankernden Yachten. Wir ahnen nur, wieviel hier allein ein Liegeplatz für einen Tag kostet, von den Preisen für die gläsernen Appartements der Wolkenkratzer an der Uferpromenade ganz zu schweigen. „Durchschnittsverdiener“ ziehen sich teilweise als Dauercamper auf die genauso großen wie schmucklosen Camping- und RV-Plätze in den Vorstädten zurück, um überhaupt hier leben zu können, wie wir in Gesprächen erfahren dürfen. In der Downtown erschrecken uns die vielen Obdachlosen, Bettler und Drogenabhängigen auf den Straßen. In den Ecken und unter den Laternen liegen die leeren Spritzen neben den schmuddeligen Schlafsäcken. Viele sozial bemitleidenswerte Kreaturen auf den Straßen sehen körperlich so schlimm aus, dass wir uns (nicht übertrieben!) wie in einer Geisterbahn auf dem Rummel vorkommen. So krass haben wir das noch nicht erlebt. Halbtote, lallende Gestalten werden von Sanitätern auf den Stadtbänken notdürftig versorgt….
Sieht man dieses Elend, dann ist uns als Touristen überhaupt nicht mehr wohl. Wir laufen so mit äußerst gemischten Gefühlen durch die Stadt und sind noch mehr dankbar für unsere Gesundheit und das, was wir hier während unserer Reise machen und erleben dürfen.
Allerdings sind wir uns auch darüber im Klaren, dass uns dieses Sozialgefälle hier sehr auffällig erscheint, in unseren Großstädten (Leipzig, Berlin etc.) aber letztlich auch nicht so viel besser ist.
Für die „besser gestellten“ Einwohner, die es hier ohne Zweifel in hoher Zahl gibt, hält die Stadt natürlich eine extrem hohe Lebens- und Freizeitqualität bereit. In den Straßen, die uns ein wenig wie eine Mischung von Calgary und Toronto vorkommen, lässt sich sehr schön bummeln, shoppen und speisen.

Mit dem Wassertaxi fahren wir hinüber nach Grandville Island und schlendern durch den überdachten Public Market, der auf großer Fläche fast alle Sorten von Lebensmitteln anbietet. Eine Wanderung entlang der Uferpromenade des Stanley Parks bietet einen tollen Blick auf die Skyline.
Am Ende sind für uns zwei Tage in dieser großartigen Stadt eher zu wenig und wir reisen mit einem weinenden Auge, aber auch sehr nachdenklich ab.

Die lange Strecke zwischen Vancouver und dem Waterton Lakes National Park, mehr oder weniger nah an der US-Grenze entlang, führt uns wieder quer über die Rocky Mountains, nicht ganz so steil wie in Höhe von Banff und Jasper, aber doch mit langgezogenen Anstiegen. Entlang des Highway 3 durchqueren wir im südlichen Okanagan Valley langgezogene Wein- und Obstanbaugebiete. Neben den Reben gedeihen bei im Sommer sehr trockenen Bedingungen Pfirsiche und Aprikosen. Es bedarf eigentlich keiner Erwähnung, dass überall auch wieder Wälder und vor allem Seen, z.T. mit schönen Badestränden, zu einer Pause einladen.
Der Waterton Lakes National Park in der südwestlichsten Ecke von Alberta wirkt auf uns von Anfang an wundervoll. Nicht umsonst ist er UNESCO-Welterbe und Biosphärenreservat und zusammen mit dem Glacier National Park in den USA ein internationaler Friedenspark.
Wir steuern zunächst den Ort Waterton an und haben das sehr große Glück, am Sonntagvormittag um 11.00 Uhr noch einen der letzten (servicefreien) Plätze auf dem Waterton Townsite Campground direkt am See zu bekommen. Sonntags am späten Vormittag ist immer ein Versuch wert, wenn man keine Vorbuchung hat, weil dann einige Gäste gerade abgereist und neue noch nicht hinzugekommen sind. So war es auch bei uns. Wenig später hängt dann das Schild „Full“ am Häuschen des Platzwartes.
Der kleine Ort am Waterton Lake ist ein alpines Dorf, dass uns aber selbst an einem Sonntag im August und lebhaften Besucherverkehrs nicht überlaufen erscheint und sich wohltuend abhebt von spürbar überfüllten Touristenorten wie z.B. Banff. Das wunderschön gelegene Hotel Prince of Wales auf einem Hügel zwischen Linnet Lake und Waterton Lake ist mit der Kulisse beider Seen, flankiert von den 2.000 bis 3.000 m hohen, z.T. schneebedeckten Bergen eines „der“ Postkartenmotive Kanadas überhaupt. Das können wir nur bestätigen. Vom Hotel selbst kann der Anblick auf den fjordartigen See, die Stadt und die Berge nur als grandios bezeichnet werden.
Am nächsten Tag nehmen wir relativ zeitig am Morgen den 16 km langen Akamina Parkway zum westlich gelegenen Cameron Lake. Wir werden für das frühe Losziehen mit einem glatten, schneebedeckten die Rockies spiegelnden See belohnt, der in uns schöne Erinnerungen an Kananaskis-Country weckt. Viele Trails sind allerdings wegen Bärenaufkommen gesperrt und es wird wieder fast beschwörend vor ihnen gewarnt. Die Tiere bewegen sich jetzt zur Beerenreife offensichtlich vermehrt in die Wandergebiete hinein. Wir wandern dennoch einen der offenen Trails zum 2.000 m hoch gelegenen Summit Lake. Fast alle Kanadier, die wir auf dem Rückweg treffen (viele wandern erst sehr spät los, was uns immer schon aufgefallen ist), fragen uns mehr oder weniger angespannt nach gesichteten Bären. Die sind tatsächlich noch deutlich mehr besorgt als wir, die wir zwar mit Bärenspray, sonst aber relativ unbedarft loslaufen. Manchmal, insbesondere bei jungen Frauen kann man sich dann auch mal einen Scherz erlauben und Bärenbegegnungen vorgeben. In die entsetzten Gesichter zu schauen, ist wirklich lustig. Aber natürlich müssen wir das schnell als Scherz wieder klarstellen, sonst verwaist der Wanderweg und die Ranger schwärmen aus….
Wir treffen einen US-Amerikaner, der sich zusätzlich zu mehreren Sprays mit einer Leuchtrakete bewaffnet hat – gar keine schlechte Idee.

Unsere Ganztageswanderung am nächsten Tag startet am Hafen. Die Waterton Shoreline Cruise Fähre bringt uns über den See zur Anlegestelle, an welcher der Trail zum Crypt Lake startet.
Bei tagsüber zunehmender Hitze und ab Mittag glühend heißer Sonne geht es die erste Hälfte der insgesamt 17 km heute über 700 Höhenmeter hinauf zum Lake, der fast 2.000 m hoch liegt.
Ein sehr schöner, anspruchsvoller Trail anfangs durch lichten Wald, dann auch über staubige Felsengebiete und durch einen 20 m langen, natürlichen und niedrigen Felstunnel, der nur im Entengang zu bewältigen ist. Wir sehen einen Schwarzbären, der sich vor der Wandergruppe bis in den Baumgipfel „gerettet“ hat und dort erst mal abwartet, bis sich die Zweibeiner entfernt haben. Der See selbst, der mit seinem Südufer an die Grenze zur USA stößt, ist dann nicht so der Hammer, wir sind verwöhnt. Allerdings trinken wir von seinem „Zauberwasser“ (Katadyn gefiltert), da unsere Trinkwasservorräte bei der Hitze nicht ausreichen.

Zum gleichnamigen kleinen Canyon führt der Red Rock Canyon Parkway. Red deshalb, weil sich ein kleiner Fluss hier mal wieder in eisenoxidhaltiges Gestein eingegraben hat, nicht sehr tief, aber ganz hübsch. Die mit viel Mühe aufwendig angelegten stählernen Aussichtsplattformen an den nahen Blakiston Falls sind dann eigentlich für die unscheinbaren kleinen Fälle des Guten zu viel.
Viel beeindruckender und ein toller Abschluss unseres Watertonbesuches ist die kleine Wanderung über 200 Höhenmeter von der Visitor Information hinauf zu den Bear Humps. Bei extremen Böen haben wir auf den Felsenklippen zwar keinen guten Stand, dafür aber spektakuläre Ausblicke auf die Stadt und die Seen. Die flankierenden Rockies bilden auch im fernen Dunst eine würdige Kulisse für das Ende unserer Reise in Kanada. Morgen geht es über die Grenze, wir sind gespannt!