05.10. bis 11.10.17 – Gigantische Naturschauspiele

Nur gut, dass wir die Führung durch den Upper Antelope Canyon online schon zeitig gebucht hatten. Eigentlich wollten wir früh um 09.00 Uhr noch durch den Lower Antelope Canyon laufen, da gab es schon keine Karten mehr oder es überschnitt sich mit unserer bereits gebuchten Tour. Wieder können wir uns vor asiatischen Besuchergruppen kaum retten. Caramba!
Von Page aus fahren wir dann mit einem offenen Jeep über eine Sandebene zum Canyon . Natürlich ist der tiefe und enge Sandstein- Slot-Canyon überlaufen und eigentlich müssten wir ihn mindestens zweimal laufen, einmal für eine Fototour und einmal, um ihn zu genießen. Denn das Letztere kann (könnte) man ganz gewiss. Die spiralförmigen, bizarren Sandsteinformationen glitzern durch das nur durch schmale Deckenspalten fallende Sonnenlicht in unterschiedlichen Farben und führen zumindest in den flacheren und damit beleuchteten Teilen des Slots durch eine märchenhafte, surreale Kulisse. Eine traumhafte visuelle Welt. Die Fotos spiegeln übrigens die Lichtverhältnisse originalgetreu und ohne Tricks wider. Was hat die Natur da mal wieder für ein Wunder geschaffen….

Aber diese Nationalparkroute ist einfach nur sagenhaft: Es wird immer noch eins drauf gelegt, denn am nächsten Tag erreichen wir den North Rim des Grand Canyon.
Egal, was wir bisher über diesen gelesen, gehört oder gesehen haben, nichts kann uns auf die Realität wirklich vorbereiten. Die unglaublichen Ausmaße dieses Naturwunders sind einfach nur Wahnsinn und können unserer Meinung nach vom menschlichen Auge auch nicht annähernd in ihren Dimensionen vollständig erfasst werden, weder in der Höhe noch in der Länge. Die bis zu 1.800 m (!) hohen Felsschichten (unglaublich, wie viele Felsterrassen von der geschätzten Höhe des Königssteins im Elbsandsteingebirge hier einfach so übereinander liegen, mindestens zehn haben wir gezählt), die kunstvoll zerklüfteten Plateaus, bröckelige Sandsteintürme und weinrote Felsgrate bestimmen das Bild, das je nach Tageszeit im Spiel von Licht und Schatten leuchtet. Am Grunde dieser gewaltigen Schlucht windet sich der Colorado River über sage und schreibe 446 km! Der legendäre River ist sicher der Meister aller Architekten, der dieses wohl gigantischste Naturschauspiel der Erde im Laufe von 6 Millionen Jahren geformt hat und dabei Steine freilegte, die bis zu 2 Milliarden Jahre alt sind, also halb so alt wie die Erde selbst.
Hier wird nach 52 Jahren ein Traum von Ralf wahr: Einmal vor diesem sagenhaftesten aller Naturwunder zu stehen, von dem er schon als Kind gehört hat. Leute, das ist einfach nur großartig. Es lohnt all die Mühe, all die Arbeit und Sorgen der vielen Jahre, so eine Vision wahr werden zu lassen.
Unser Tipp: Da jeder irgendwelche Wünsche und Träume hat: Macht sie wahr, nichts kann schöner sein. Dafür leben wir schließlich. Wenn ihr realistische Wünsche habt (in den Weltraum fliegen gehört sicher nicht dazu, war auch mal einer von Ralf), dass müssen keine Reisen oder Naturwunder sein, es gibt so viel andere Dinge…. Dann wartet nicht zu lange, macht es einfach. Schreibt einen Termin in den Kalender! Jetzt! Egal, was Familie, Freunde etc. dazu sagen. Dieser Moment gehört einfach nur Euch.
Der North Rim bietet einige tolle Aussichtspunkte und ist zudem relativ ruhig und zumindest während unseres Besuches nicht von asiatischen Mitbürgern überlaufen, was schon selten genug ist. Der Bright Angel Point direkt am Visitor Center, der Point Imperial und das Cape Royal sowie das nach einem wunderschönen Trail durch den herbstlichen Wald mit goldgelben Blättern und Tannenduft zu erreichenden Cape Final sind sicher die beeindruckendsten.
Am nächsten Tag wandern wir den 16 km langen Widforss Trail, benannt nach dem Maler, der am Ende der Strecke, dem Widforss Point, häufig gesessen und gemalt hat. Eine gute Entscheidung, denn die Aussicht von dort auf Teile des Canyons ist grandios.

Wir übernachten am North Rim dreimal frei auf einem Platz ohne Service im Kaibab National Forest, wenige Kilometer außerhalb des Parks. Unsere Heizung vermissen wir schon, denn nachts und in den Morgenstunden haben wir um die 1°C auf ca. 2.500 m Höhe. Aber was soll es, es geht auch so und gar nicht mal so schlecht. Der Morgentee wird etwas schneller getrunken und wir sind noch früher unterwegs. Das zahlt sich manchmal aus, wie auf dem Weg zu unserem Offroadziel White Pocket im Vermilion Cliffs National Monument. Die bizarre Felsformation erreichen wir Richtung Norden, zunächst auf der vom Highway 89A abzweigenden Wellblechpiste House Rock Road, dann auf Tiefsandpisten etwa 16 km durch die buschbewachsene Wüste bis zum Parkplatz White Pocket. Tiefsand ist nicht nur so daher geschrieben. Allrad und für schwerere Fahrzeuge, zu denen unseres gehört, sind unseres Erachtens auch Untersetzung Pflicht. Letzteres, weil die Sandgebiete auch von felsigen Absätzen unterbrochen werden, die sich mit mehr Traktion viel einfacher und schonender bewältigen lassen, zumal die Geschwindigkeit reduziert werden muss. Wer noch nie auf Tiefsand gefahren ist, dem würden wir eher abraten. Wir durften in Botswana schon ausgiebig trainieren, allerdings mit einem viel leichteren Fahrzeug. Unabdingbar ist, den Reifenluftruck (vor den Sandpisten!) zu reduzieren. Wir haben sonst hinten 3,5 bar, vorne 2,5 bar, fahren hier mit 1,5 bar auf allen Rädern durch. Wichtig ist, auf Tiefsand konstant „am Gas“ zu bleiben, niemals im tiefen Sand abzubremsen, anzuhalten, unnötig viel zu lenken oder zu versuchen, die Spur zu verlassen. Außerdem sollte man beachten, dass der Sand durch nächtlichen Sturm (wie bei uns) in den Spuren am nächsten Tag tiefer sein kann oder die Spuren sogar teilweise verwischt, was die Gefahr des Steckenbleibens deutlich erhöhen kann.
Belohnt werden wir für die Mühen mit einer tollen Steinformation, dort, wo vor 190 Millionen Jahren noch komplett Wüstengebiet gewesen ist. Die ockerfarbenen bis braunen Gesteine entstanden hier durch die Oxidation von Eisenmineralien und wurden durch Wind, wechselnde Grundwasserstände und Erdbeben geformt. Die beeindruckenden weißen polygonalen Oberflächen bildeten sich durch einen Wechsel von Feuchtigkeit, Ausdehnung und wiederum Kontraktion durch Wärme und Austrocknung. Der Wind formte zusätzlich wunderschöne wellenartige Formationen in den Sandstein, von denen viele Fotografen meinen, sie sähen beeindruckender aus als jene bei der Steinformation „The Wave“ nahe Kanab. Das entschädigt uns insofern, weil wir die „The Wave“ nicht besichtigen konnten. Hier dürfen nämlich nur 20 Touristen pro Tag hinein, die in einem aufwendigen Losverfahren ermittelt werden, wo die Chancen schlecht stehen und was wir uns aufgrund der schlechten Planbarkeit erspart haben.
Danke an Romy und Michael, die uns den Tipp mit White Pocket gegeben haben. Ein unvergessliches Erlebnis. Die Beiden treffen wir auf einen schönen und lustigen Abend noch einmal auf unserer Zwischenstation in Page. Es waren schöne Stunden mit Euch. Alles Gute für Euch und die Vorbereitung auf das nächste große Ziel!

Am nächsten Tag erwartet uns ein weiterer absoluter, sicher „der“ Höhepunkt unserer bisherigen gesamten Tour: Der South Rim des Grand Canyon. Die Ausblicke auf dieses erhabene, monumentale Schauspiel sind hier sicher noch beeindruckender als am North Rim. Unbeschreiblich schön sind die Ausblicke eigentlich von allen Viewpoints, insbesondere am Nachmittag vom Mather Point, aber auch vom Lipan Point, der weniger überlaufen ist. Wiederum können Fotos die Dimensionen nur erahnen lassen, von denen wir als kleine Menschlein selbst live, an der Kante des Rims stehend, hoffnungslos überfordert sind.
Am nächsten Tag startet Ralf um 6.00 Uhr auf dem Bright Angel Trail in den Canyon zum Colorado River. Insgesamt ist hier eine Höhendifferenz auf dem Weg von 1.440 m hinab und später wieder hinauf zu überwinden, der über das Plateau Indian Garden zunächst steil hinunter zum Bett des Colorado River führt. Nach 16 km Abstieg in den Canyon hat sich Ralf einen weiteren Traum erfüllt: Einmal am Boden des Grand Canyon am Ufer dieses legendären Flusses zu stehen. Für den Abstieg braucht man relativ gesunde Knie, denn es geht stetig und relativ steil hinunter. Es ist normalerweise besser, den Aufstieg nicht noch am selben Tag zu machen, sondern auf einem Campground am Fluss zu übernachten. Allerdings ist natürlich das Gepäck für den Aufstieg mit der Zeltausrüstung noch deutlich schwerer. Dieser geht auch mit leichterem Rucksack richtig in die Knochen (je nach individuellen Tempo 6 bis 8 Stunden Aufstieg) und sollte von im Wandern und Klettern weitgehend untrainierten Menschen mit unverbindlicher Ausdauer keinesfalls versucht werden. Warnungen auf den Trailschildern weisen entsprechend darauf hin. Wasserstellen gibt es unterwegs ausreichend, mit 4 bis 5 Liter Wasserverbrauch sollte man rechnen. Wichtig ist, auch die Mineralzufuhr nicht zu vergessen, was man aber über die auch notwendigen Snacks (getrocknetes Rindfleisch z.B. ist leicht, nährstoffreich und auch salzig) unterwegs regulieren kann. Zum Glück wandert man bergauf keinesfalls nur in der prallen Sonne, sondern es gibt durch die hohen Felswände auch längere schattige Abschnitte, die sich dann entspannter laufen lassen.
Wieder hat sich Ralf eine Vision erfüllt. Heureka! Was für ein Gefühl, den Colorado nach all den Geschichten, Filmen und eigenen Fantasien, die er von diesem legendären Fluss auf seinem Weg durch dieses sagenhafte Naturwunder Grand Canyon gehört und gesehen hat, live zu erleben. Und das war ein Jugendtraum von Ralf, den hatte er vielleicht schon mit 10 Jahren oder so. Über 40 Jahre hat er damit also gewartet, viel zu lange. Zum Glück – na ja, nicht nur Glück, aber eben auch – ist er noch so fit, eine solche 32 km Wanderung mit über 1.400 m Höhendifferenz hinab und hinauf machen zu können. Noch einmal daher an Euch: Verschiebt nicht ewig, irgendwann sind auch Träume und Wünsche zu lange her, als das sie noch realisierbar sind. Macht es einfach, es lohnt sich.
Annett wandert zur selben Zeit zu Hermits Rest (13 km) mit einigen Viewpoints und fantastischen Ausblicken auf den Canyon, teilweise auch auf den Colorado River. Parallel zum Wanderweg geht eine Shuttle Bus Linie (Die Straße ist bis zum 30.11. für Privatfahrzeuge gesperrt), daher herrscht auf dem Trail selbst nur wenig Andrang und sie kann die Wanderung richtig genießen. Immer am Canyonrand entlang verweilt Annett oft viele Minuten lang staunend vor der überdimensionalen Kulisse dieses Meisterwerks der Natur und kommt daher nur recht langsam voran. Aber es entstehen hier nach unserem Geschmack die vielleicht besten Fotos vom Canyon überhaupt.