23.10. bis 02.11.17 – Durch die Sierra Nevada bis San Francisco

Vom Death Valley kommend biegen wir im Städtchen Lone Pine zunächst auf die Whitney Portal Road ab, die steil in Serpentinen bergauf bis auf 2.500 m Höhe führt. Von hier könnten wir den höchsten Berg der USA außerhalb Alaskas, den Mt. Whitney (4.421 m) besteigen. Die Genehmigung dafür wird aber wohl mal wieder nach dem Lotterieprinzip vergeben. Die Aussicht auf der Strecke ist recht nett, richtig interessant wird es aber erst nach dem Abzweig auf die Movie Road zu den bizarren Felsformationen der Alabama Hills. Wir finden hier eine Landschaft von unzähligen abgerundeten und auch zerklüfteten kleinen Sandsteinformationen, die in Hell- und Dunkelfärbung ein kulissenartiges Bild abgeben. Und das ist das Gebiet letztlich auch – eine große Kulisse, in der bisher Szenen von über 400 Filmen gedreht wurden, wie Django Unchained, Seven Men from now, Star Trek, Gladiator und viele andere. Durch die wunderbare Zugänglichkeit zwischen und auf die Felsen spart man sich dadurch wohl eine Menge Pappkulisse und es wirkt allemal authentischer.
Wir kommen übrigens gerade zu einem Dreh, so dass die Straße kurzfristig von der Polizei sogar gesperrt wird. Aber letztlich dürfen wir nach ein paar Minuten hinein. Die Movie Road entlangfahrend ist es zudem möglich, beliebig in die Nebenstraßen zwischen die Felsen abzubiegen, zwischen denen es sich wunderbar klettern lässt.

Schließlich quälen wir unsere 3,5 Tonnen am Nachmittag nochmal in die Höhe, diesmal auf über 3.100 m zum Ancient Bristlecone Pine Forest. Hier stehen erstaunlicherweise in dieser Höhe knorrige, außergewöhnlich geformte Pine Trees (Pinienbäume) an den Hängen der White Mountains. Nach Angaben in diverser Literatur sind dies die ältesten lebenden Bäume der Erde. Der Forscher Dr. Edmund Schulmann fand den Ältesten von ihnen im Jahr 1957 und nannte ihn Methuselah. Er zählte nach Anbohrung dessen Ringe unter dem Mikroskop und kam auf über 4.600 Jahre! Dieser Baum existiert also seit 2.600 Jahren vor Christus. Wahnsinn, kaum vorstellbar! Seine Nachbarn auf dem Methuselah Rundtrail sind ähnlich alt, viele über 4.000 Jahre. Damit sind das auch die ältesten Geschöpfe auf der Erde überhaupt. Staunend und demütig stehen wir vor diesen uralten, zähen Lebewesen. Was und wen haben die wohl schon alles gesehen?
Wir übernachten nach den warmen Nächten im Death Valley diesmal auf 3.100 m am Visitor Center bei 0°C am Morgen. Bei nach wie vor defekter Heizung ein herrlich frisches Gefühl, wenn wir aus dem Schlafsack kommen…. Wunderbar.

Auf dem Weg zum Yosemite National Park gibt es eine erste Zwischenstation am Mono Lake. Neben zahlreichen Tierarten sind es hier vor allem die Tufa Towers (Tuffsteintürme) an seinem Südufer, welche die Besucher anlocken. Die beeindruckenden Calciumcarbonatfelsen, die wie weiße Kleckerburgen sehr fotogen aus dem blauen Wasser ragen, entstehen, wenn calciumreiches Quellwasser in das carbonatreiche Seewasser hineinfließt. Sichtbar wurden sie, als aufgrund der Wasserversorgung besonders von Los Angeles und Umgebung die zuführenden Quellen mehr und mehr abgeleitet wurden und der Spiegel des Sees immer weiter sank. Nun wird seit einigen Jahren versucht, ihn zumindest so zu erhalten, wie er ist. Wichtig ist der See für das Areal allemal, denn u.a. für viele Vogelarten ist eine Zwischenstation auf ihrem Flug aus arktischen Breiten in Richtung Südamerika.

Die zweite Zwischenstation führt uns in die alte Geisterstadt Bodie, die, wie kann es anders sein, mal wieder eine verlassene Minenstadt ist. W.S. Bodey fand hier als Pionier das erste Gold 1859. In der ertragreichsten Zeit von 1877 – 1881 gab es in Bodie und Umgebung 30 verschiedene Goldminen. Bodie wurde zu einem berüchtigten Ort mit sage und schreibe 60 Saloons sowie Bordellen, Spielcasinos u.v.m.. Auch nach Versiegen der ergiebigsten Goldadern gab es noch fördernde Minen bis 1942. Hier stehen alte Holzhäuser aus der Gründerzeit, die mit Absicht nicht restauriert wurden, sondern die „nur“ erhalten werden, wie sie sind. Dadurch wirkt der Rest des Ortes, der diverse Brände überstanden hat (etwa 1/5 der ehemaligen Stadt), recht authentisch. Überall in den Behausungen finden wir altes, zum großen Teil zerfallenes Inventar wie alte Spieltische, Betten, Kücheneinrichtungen und sogar Reste der alten Gardinen und Tapeten. Durch eine der erhaltenen Minenanlagen gibt es Führungen und im Visitor Center eine sehenswerte Ausstellung von gut erhaltenen Requisiten der damaligen Zeit, bis hin zu alten Zeitungsartikeln aus dem 19. Jahrhundert.

Am Nachmittag fahren wir dann den Tioga Pass bis fast auf 3.000 m in die Höhe bis unmittelbar zur Grenze des Eingangs zum Yosemite National Park. Hier sind Schneereste vom vergangenen Winter, der nächste droht bereits und daher ist der Pass häufig im November, manchmal auch schon im Oktober gesperrt. Wir haben noch sonniges, wenn auch recht kühles Herbstwetter hier oben und übernachten im Inyo National Forest vor dem Park, da alle Campingplätze hier bereits geschlossen sind. Diese Nacht haben wir dann auch den bisherigen Temperaturtiefpunkt: -3,5°C. Annett nutzt erstmals die doppelten Schlafsäcke und – hurra! – friert diesmal nicht.
Auf der Tioga Road fahren wir von Osten in den Park hinein und wandern am Vormittag zwei kleine Trails am Pothole Dome und rund um den Tenaya Lake. Insbesondere Letzterer ist landschaftlich schön, die hellen, kuppelartigen Berge spiegeln sich im klaren Bergwasser. Der Yosemite präsentiert sich neben den hellen Felsformationen dicht (nadel) bewaldet und ist damit ein deutlicher Kontrast zu den doch von der Vegetation recht kargen Nationalparks zuletzt.
Die sonstigen Aussichtspunkte auf der Tioga Road sind nicht so attraktiv und wir entschließen uns, die etwas mühselige, weil steil ansteigende und vielbefahrene Straße zum Glacier Point am Nachmittag noch zu fahren. Von hier haben wir dann endlich einen weiten Ausblick auf das zentrale Bergmassiv des Parks mit hellem Felsgestein u.a. dem Half Dome (2.700 m), dem Cloud Rest (3.000 m), dem Tenaya Peak (3.100 m), dem Echo Peak (3.400 m), dem Mount Hoffmann (3.300 m) und noch einigen anderen. Im Tal erstreckt sich der Tenaya Canyon und das Yosemite Village.
Am nächsten Tag erwartet uns der recht anspruchsvolle Trail (da 600 Höhenmeter zu überwinden sind) vom Trailhead Parking im Yosemite Valley aus zu den Fallkanten des Vernal und des Nevada Wasserfalls. Dazu haben wir uns entschlossen, da die berühmteren und höheren Yosemite-Wasserfälle derzeit nur noch spärliche Rinnsale sind und wahrscheinlich erst im Frühjahr wieder Wasser liefern. Der Trail führt durch wunderschöne Natur recht steil über künstliche und später natürliche Treppen bergauf mit tollem Blick auf den Liberty Cap (2.150 m) und den Half Dome (2.700 m).

Was gibt es sonst noch über den Yosemite Park zu sagen? Um diese Jahreszeit sind viele Bauarbeiten im Gange, daher stören viele Baustellen und Stopps. Die noch offenen drei Campingplätze sind wohl über Wochen ausgebucht – warum lässt man dann nicht alle offen, wenn der Bedarf doch offensichtlich da ist? Die Beschilderung der Aussichtspunkte und Trails ist im Ostteil des Parks schlecht bis gar nicht vorhanden und wird erst Richtung Yosemite Village besser. Das schmälert den Eindruck für uns etwas. Wer große Naturhighlights à la Grand Canyon erwartet, der wird hier eher enttäuscht sein. Die schönen Felsformationen und die (bis auf die mäßige Beschilderung) gut angelegten Wanderwege bieten aber ansonsten durchaus ein lohnenswertes Naturerlebnis.

Wir wollen durch Kalifornien nicht so einfach durchfahren ohne die Hauptstadt gesehen zu haben. Sacramento ist als Stadt vergleichsweise sicher nicht so besonders attraktiv, aber interessant allemal. Schon allein der Besuch des Capitols lohnt sich natürlich (besonders für Ralf), denn hier hat sich neben allen anderen Gouverneuren auch Arnold Schwarzenegger auf einem großen Wandbild verewigt. Dieser leitete die Geschicke des Landes von 2003 – 2011. Zudem ist die Altstadt recht hübsch und im alten Westernstil erhalten oder zumindest wiederhergestellt. In der jetzigen Nachsaison sind jedoch die Bauarbeiten im vollen Gange, überall wird renoviert. Außerdem stören Unmengen an Autos vor den Häusern den Blick auf die Fassaden. Sehr hübsch ist die Tower Bridge, die im Gegensatz zur Golden Gate Bridge wirklich goldfarben ist und über einen Hebemechanismus in der Mitte auch höhere Schiffe hindurchlassen kann.

Uns zieht es noch am selben Tag weiter in die Stadt, die man durch „The Golden Gate“, der natürlichen Einfahrt zur Bucht erreicht, San Francisco. Nach dieser 1,6 km breiten Einfahrt ist auch die Golden Gate Bridge benannt, die aber keinesfalls golden, sondern rötlich angestrichen ist. Das ändert nichts an der Imposans ihrer Erscheinung. Wir biegen zunächst vor der Brücke in das Golden Gate National Recreation Area ab. Dort geht es Serpentinen mit mehreren Parkplätzen bergauf, die man fahren oder laufen kann und von denen man einen wunderbaren Blick über die Brücke und das Nordufer der Stadt hat. Da wir auf dieser Seite der Brücke leider keinen (erlaubten) Schlafplatz finden, fahren wir in der Dämmerung noch hinüber, was auf der berühmten Bridge natürlich per se schon ein tolles Erlebnis ist. Nach einiger Sucherei, was nachts in den Straßen von San Francisco ein wiederum weniger schönes Erlebnis ist, übernachten wir schließlich gegenüber dem imposanten Palace of Fine Arts in einem recht ruhigen Wohngebiet am Straßenrand.
Parkplätze sind tagsüber entlang der Piers ab 20 Dollar pro Tag aufwärts zu finden (nicht auf den ersten Blick, anfangs dauert die Suche etwas länger, insbesondere, wenn man von der Stadtseite kommt. Am besten früh da sein!), was als Ausgangspunkt für eine Stadtbesichtigung recht günstig ist. Ein guter Platz ist z.B. am Pier 27. Nicht direkt in das Stadtzentrum hineinfahren, hier ist der Verkehr sehr dicht und unübersichtlich! Im Visitor Center in der Market Street gibt es, wenn notwendig, Karten und Tipps sowie Tickets für die öffentlichen Verkehrsmittel. Ein 3-Tages-Ticket, mit dem alle Busse, Bahnen und Cable Cars nutzbar sind, kostet 32 Dollar.
Von hier ist Chinatown bequem zu Fuß zu erreichen, das größte seiner Art in den USA, nach manchen Quellen sogar weltweit. Wie auch immer, auf jeden Fall macht das Durchlaufen hier richtig Spaß, denn neben dem obligatorischen Eingangstor gibt es noch eine Menge anderer imposanter Gebäude und recht saubere und schön geschmückte Straßenzüge. Hier im Restaurant traditionell chinesisch zu essen ist ein Erlebnis für sich, denn man kann die Chinesen selber dabei gut beobachten. Interessant war für uns, dass sich viele den soßengetränkten Reis einfach aus der an den Mund gehaltenen Schüssel mit den Stäbchen in den Mund schieben – na ja, das ist ja dann auch keine Kunst. Für uns gibt es wenigstens einen Löffel…  Eine Fahrt mit dem Cable Car ist sicher ein Muss und kann auch helfen, die teilweise recht steilen An- und Abstiege zu überwinden, bei deren Vielzahl wir sonst schon mal ins Keuchen kommen. Allerdings fahren die alten Gefährte nur auf wenigen Routen. Schön ist die Fahrt vom Victorian Park im Norden auf der Powell Hyde Line in die Stadt hinauf oder von Chinatown auf der Powell Mason Line hinab zu Fishermans Wharf. Letzteres liegt am nördlichen Ende der Piers und bietet mit vielen Restaurants, Museen und historischen Schiffen einiges Sehenswertes. Eine weitere „Flaniermeile“ bietet Pier 39, wo auch eine Seelöwenkolonie beobachtet werden kann, die hier auf Holzflößen am Kai residiert.
Über die Bay fällt der Blick auf „The Rock“ mit dem ehemaligen Gefängnis Alcatraz, natürlich auf die Golden Gate Bridge im Norden und die San Francisco Oakland Bay Bridge im Osten. Einen noch besseren Überblick über die Bucht und fast die gesamte Stadt bietet der Ausblick vom Coit Tower.

So hübsch die Straßenzüge insbesondere den Cable Car Schienen entlang sind, umso krasser fallen wieder die sozialen Unterschiede in der Stadt auf. Wieder bestimmen Bettler und sichtbar (!) Drogenabgängige das Bild ganzer Straßenzüge und zeigen uns erneut die Zwielichtigkeit dieser großen und eigentlich auch so „berühmten“ Städte.

Wer Spaß am Wandern hat, der kann die Market Street Richtung Südwesten entlang gehen mit jede Menge Großstadtfeeling und einigen interessanten Gebäuden unterwegs, wie der City Hall, die im Stile eines Capitols gebaut ist. Natürlich kann man die Strecke auch mit dem Bus fahren. Wer noch Lust und Zeit hat, kann sich den Alamo Square Park mit den Painted Ladies (bunte Häuser, die man mit dem Hintergrund der Skyline fotografieren kann) oder den Golden Gate Park, der als Erholungspark aus vormals ca. 400 ha Sanddünen angelegt wurde und größer ist als der New York Central Park, ansehen.

Auf jeden Fall einen Besuch wert ist das ehemalige Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz auf „The Rock“. Von Pier 33 bieten Alcatraz Cruises Tagestouren mit Hin- und Rückfahrt zur Insel an. Wir haben die Tickets ein paar Tage vorher noch online buchen können. Danke, Jürgen, für den Tipp! Insbesondere die Audio-Führung durch den Gefängniskomplex, in der Gefangene und Wärter vom Leben, Alltag, Arbeit und versuchten Ausbrüchen erzählen und den Besucher dabei spannend mitnehmen, ist schon den Ausflug wert. Dabei werden die Bedingungen im Zellenkomplex durchaus nicht beschönigt oder verharmlost, wie wir es eigentlich erwartet hatten. Im Gegenteil. Hier sind kaum Restaurationen vorgenommen worden und die Umstände, unter denen Schwerverbrecher wie Al Capone leben und arbeiten mussten, sind sehr real zu besichtigen.
Nach diesen vielfältigen Eindrücken einer äußerst interessanten Stadt machen wir uns Richtung Küste nach Süden auf.