26.11. bis 02.12.17 – Erste Eindrücke auf der Baja California

Wir brechen am Sonntag nach dem verlängerten Thanksgiving-Wochenende gegen 8.00 Uhr zum Grenzübergang nach Tecate in Richtung Mexiko auf. Das Procedere an der Grenze wurde von vielen Weltenbummlern und Reisenden schon so oft beschrieben, dass wir es hier nicht noch einmal wiederholen. Erwähnenswert ist aber schon die Lockerheit und ausgesuchte Freundlichkeit aller mexikanischen Grenzbeamten, die sich auffällig wohltuend abhebt von denen auf US-amerikanischer Seite. Das wurde uns auch in Gesprächen mit Reisenden bestätigt, die über andere Grenzübergänge ein- oder ausgereist sind. Dem mexikanischen Immigrationsbeamten kaufen wir noch zwei Flaschen Salsa ab und er kopiert uns dafür alle benötigten Unterlagen für die Einführung unseres Autos „gratis“. So scheint das hier abzulaufen – leben und leben lassen. Eine durchaus gute Lebensart, wenn sie sich denn im Verlauf bestätigt. Wir wurden auch kaum kontrolliert, ein Blick ins Auto, Fragen nach Waffen, Alkohol und Drogen sowie nach unseren Berufen (wohl aus Neugierde), dann durften wir schon weiterfahren. Die Straße nach Ensenada (Mex 3) ist recht neu und in sehr gutem Zustand. Auch in Ensenada selbst gibt es dank Navisystem kaum Orientierungsprobleme. Der Verkehr in der Stadt ist zwar recht dicht, es wird aber für den ersten Eindruck von den Mexikanern durchaus im Durchschnitt relativ umsichtig gefahren, so dass wir mit unserer ohnehin defensiven Fahrweise bisher recht gut zurechtkommen. Der erste Eindruck vom Land, erinnert uns von der Infrastruktur und vom Niveau her in manchen Gegenden etwas an die ehemalige DDR oder auch gegenwärtig an Polen, Tschechien oder Rumänien. So ist das für uns durchaus kein Kulturschock, im Gegenteil, wir haben das eher chaotischer oder vielleicht zunächst auch ärmlicher erwartet. Ensenada selbst ist durchaus in einigen Teilen eine recht moderne Stadt. Die Supermärkte haben ein relativ hohes Niveau, das Angebot ist etwas kleiner als in den kanadischen und amerikanischen, die Waren im Durchschnitt (nicht alle!) preiswerter, wenn auch nicht die absoluten Schnäppchen. Aber wir bezahlen für den vollen Einkaufskorb bei Walmart gefühlt etwas mehr als die Hälfte dessen, was in den USA immer fällig war. Andere Viertel der Stadt erinnern dann schon eher an dörfliche und mittelstädtische Strukturen in Rumänien oder auch mancherorts in Afrika, viele ärmliche Hütten und reichlich Müll an allen Ecken. Der Campingplatz kostet dann (nach etwas verhandeln, was hier wohl so üblich ist) 200 Pesos für zwei Nächte. Das sind etwas über 5 Dollar pro Tag (ohne Wasser und Strom) für einen (für mexikanische Verhältnisse) relativ gepflegten Stellplatz direkt an der Bucht, wenn auch die Sanitäranlagen nicht die allerbesten sind. Wir waschen im Dorf nebenan noch unsere Wäsche bzw. lassen sie waschen und trocknen, bleiben aber vor Ort dabei. Das sollte insgesamt eine Stunde dauern, wir warten aber geduldig zweieinhalb Stunden. Eine Waschmaschine, natürlich die mit unserer Wäsche, hat den Geist aufgegeben. Zeit spielt hier nicht so die Rolle. Das zu verinnerlichen wird wiederum einige Zeit dauern….
Bevor wir uns auf den Weg zur Ostküste machen, schauen wir noch nach La Bufadora, wo wir durch eine (auf dem Rückweg durch ankommende Touristenbusse volle) Marktstrasse bis zum „Blowhole“ laufen, einer schmalen Einkerbung im Felsen. Hier spritzt das Meer fontänenartig bei entsprechendem Wellengang bis 30 m hoch.

Durch das Landesinnere Richtung Westen nehmen wir dann die Mex 3, die größtenteils in gutem Zustand ist, bis an die Ostküste der Baja nach San Felipe. Außer drei Militärkontrollen, wobei wir nur einmal angehalten werden (Frage nach woher, wohin, ohne weitere Kontrollen), gibt es auf dem Weg nichts Besonderes. In San Felipe stehen wir dann auf einem Campingplatz direkt am Meer und spazieren vor Einbruch der Dunkelheit noch am hellen Sandstrand und ein wenig an der Promenade entlang. Viele Läden haben hier allerdings schon geschlossen, es ist eben mexikanischer Winter. Allerdings müssen wir seit langer Zeit mal wieder mückendichte Sachen anziehen, rechtzeitig nach der Grenze tauchen die lästigen Tierchen wieder auf.
Es geht auf der Mex 5 die Ostküste der Baja weiter nach Süden und wir biegen als Nächstes zu den Los Gigantes ab. Hier erwartet uns Miguel, ein gebürtiger Kubaner, der offensichtlich schon in Deutschland gewesen ist und der die fälligen 10 Dollar Eintritt (180 Pesos) kassiert. Auf dem Rückweg schreibt er uns einen Zettel mit Grüßen an eine Manuela in Barby bei Magdeburg, die wir ihr bestellen sollen. Er lädt uns gleichzeitig ein, jederzeit auf dem Gelände frei zu übernachten, sehr nett. Zwischendurch bewegen wir uns aber auf einer sandigen Piste durch das Valle de los Gigantes, ein Feld mit teilweise geschätzt über 10 m hohen Kakteen, die bis zu 2.000 Jahre alt werden können. Gewaltige Gewächse und typisch für die Gegend hier. Wir sehen sie später vereinzelt und ganze Felder davon mit kleineren Exemplaren noch in anderen Gegenden.

Trotz Miguels Einladung fahren wir an der Küste entlang weiter auf der Mex 5 Richtung Süden und kommen nach über 100 km mal wieder an einer Militärkontrolle vorbei, die aber auch nicht ins Auto sehen will. Kurz danach können wir gegenüber einer Tankstelle an einer Wasserstation (Purificadora) unseren Tank mit Trinkwasser (1 Peso pro Liter) auffüllen. Es gibt hin und wieder solche Stellen mit gefiltertem Wasser und es ist sicher empfehlenswert, diese zu nutzen. Das normale Leitungswasser ist wohl in ganz Mexiko nicht trinkbar, zumindest wird dieses nicht empfohlen. Auch die Einheimischen trinken es nicht aus der Leitung, was immer ein sicheres Zeichen für eine wahrscheinliche Kontamination mit Erregern oder Chemikalien oder Beidem ist. Wir haben zwar einen Keramik- und Aktivkohlefilter an Bord, es kann aber sicher nicht schaden, für den geringen Preis gleich keimfreies Wasser zu tanken, wenn dies möglich ist.
Bis dahin ist die Straße asphaltiert und prima zu fahren. Dann geht sie plötzlich in eine an einigen Stellen relativ üble Stein-, Sand- und Wellblechpiste über und zwar ohne Vorwarnung im Vorfeld. Für normale Wohnmobile (und auch normale PKW) wäre hier mit Sicherheit Schluss, wenn man kein großes Risiko eingehen will – nur was dann? Für diese bliebe nichts anderes übrig, als zu wenden und die ganze Strecke nach Ensenada zurückzufahren, wir sehen zumindest keine andere Alternative.
Die Strecke bleibt sandig und steinig und wir werden durchgeschüttelt bis zu unserem Ziel: Coco’s Corner. „Coco“, ein alter, in der Gegend mittlerweile legendärer Mexikaner, lebt hier auf einem kleinen Anwesen mitten in der Steppe im „Nichts“ seit 27 Jahren, mittlerweile beidseits beinamputiert, im Rollstuhl. Er serviert uns einen Kaffee und wir unterhalten uns mit ein paar Brocken englisch, während Coco ein gerade frisch gebratenes Hühnchen zu Nachmittag (15.00 Uhr) isst. Wir schätzen ihn auf etwa 75 Jahre. Verwandte hat er wohl nicht mehr, nur einen Freund, der ihn hin und wieder besucht. Immerhin steht hinter dem Haus ein behindertengerechter Jeep, mit dem er in die Stadt fahren kann und er berichtet stolz, dass das Land hinter der Hütte ihm gehört und er keine Pacht bezahlen muss. Wir dürfen uns in das Gästebuch eintragen und unsere Visitenkarte bei ihm zu diversen alten Bildern von früher an die Wand nageln (was wohl eine große Ehre ist). Schließlich lässt er uns auf dem Gelände hinter der Hütte übernachten mit dem Hinweis, heute sei es ohnehin zu spät zum Weiterfahren. Recht hat er, Punkt 17.00 Uhr wird es schnell dunkel und bei den Straßen…. Sogar Plumsklos (getrennt für Männer und Frauen!) sind auf dem Gelände vorhanden, was will man mehr.

Holterdiepolter geht es am nächsten Morgen zunächst weiter, bis wir wieder die Mex 1 Richtung Süden erreichen, die allerdings mit Asphaltschäden auch nicht im Bestzustand ist.
Als Entschädigung durchqueren wir im Valle de Los Cirios ausgedehnte Felder hoher Kakteen, die einen exotische Anblick garantieren. Sehr gut ist die Straße nach dem Abzweig Richtung Bahia de Los Angeles. Hier treffen wir unterwegs Christine und Felix, die von denselben Campingplatz kommen, den wir gerade ansteuern wollen. Wir stehen für zwei Tage dann direkt am hellen Sandstrand am Golf von Kalifornien. Einkaufen kann man in Bahia de Los Angeles im Dorfladen, das Angebot ist allerdings nicht so üppig. Das Städtchen bietet insgesamt nicht viel, immerhin eine Tankstelle mit Diesel, eine Polizeistation und eine Bibliothek, vor der wir freies Internet bekommen.
Leider findet sich auch hier, wie schon in den Städten zuvor und unterwegs an den Straßenrändern sehr viel Müll in allen Ecken. Das haben sie auf der Baja offensichtlich von öffentlicher Hand nicht im Griff. Es fehlen Entsorgungsmöglichkeiten und wenn diese vorhanden wären, dann sicher auch entsprechende Gesetzesauflagen bei Verstößen. Zudem scheint die Mentalität der Leute grundsätzlich weniger auf Ordnung und Umweltschutz wertzulegen, wie wir das z.B. noch (viel) schlimmer aus Ghana oder ähnlich aus Rumänien kennen. Schade, gerade die Bucht mit schönem Sandstrand und üppiger Vogelwelt ist sonst sehr hübsch anzusehen, der Campingplatz ist gut geführt und sehr sauber.

Wir verbringen daher zwei Nächte hier und machen uns dann auf den Weg Richtung Westküste über eine Offroadpiste, die quer durch die Sierra de Santa Lucia zunächst zur Mision de San Francisco de Borja führt. Bis zur Mission brauchen wir 1,5 Stunden auf teils sandiger Wellblechpiste, auf der wir recht schnell fahren, um die Unebenheiten zu „überspringen“, teils steiniger und sehr unebener Geröllstraße, auf der es nur langsam vorangeht. Allrad ist nicht unbedingt notwendig, ein sehr gutes Fahrwerk aber ein Muss. Auf keinen Fall für Wohnmobile geeignet! Für die Mühen des Weges werden wir mehr als belohnt durch eine wunderbare Wüstenlandschaft mit großen Säulenkakteenfeldern, Agaven, Cirio-Bäumen, Ocotillos und anderer ziemlich interessanter Vegetation. Erstaunlich, was in dieser Trockenheit, in der häufig jahrelang kein Tropfen Wasser fällt, doch alles gedeihen kann.
Die Mission wurde 1762 gegründet  und ist heute noch Anlaufpunkt für verschiedene Anlässe im katholischen Kirchenleben der Region. Wir werden für eine kleine Spende (für die Mission und für ihn selbst) vom Eigentümer des Landgutes (in 8. Generation), auf dem die Mission steht, durch diese geführt und bekommen einiges auf Spanisch erläutert, was wir leider nur zum Teil verstehen. Einige Teile des Gebäudes wurden von ihm selbst und seiner auf dem Gelände lebenden Familie restauriert. Im Inneren können wir Requisiten besichtigen, die z.T. über 300 Jahre alt sind.
Nach weiteren 30 km Offroadpiste Richtung Westen stoßen wir wieder auf die Mex 1 und biegen nach einem Kaffee in Villa Jesus Maria auf eine Sandpiste Richtung Küste ab. Dort übernachten wir einsam an den Klippen von Morro Santo Domingo an einer kleinen, malerischen Bucht mit hunderten großen blauen (!) Quallen am Strand und einer Seelöwenkolonie, die der stürmischen Brandung trotzt, allerdings mit nächtlichem Gebrüll.