10.05. bis 20.05.18 – Unruhiges Nicaragua

Bevor wir unseren Bericht zu Nicaragua beginnen, noch ein paar Worte zu Honduras, durch das wir gute 160 km in einem Stück von Grenze zu Grenze durchfahren. Eigentlich hat es uns ein wenig leid getan, das Land einfach nur als Transitzone zwischen El Salvador und Nicaragua zu nutzen. Dafür gibt es aber zwei wesentliche Gründe: Zum Einen wird Honduras aufgrund des wohl noch nicht beigelegten Bürgerkrieges nach der letzten umstrittenen Wahl immer noch als relativ unsicher eingestuft (ob das Touristen überhaupt betrifft, ist eben sehr schwer einzuschätzen), zum Anderen finden sich fast alle empfohlenen Sehenswürdigkeiten des Landes entweder im Westen nahe der Grenze zu Guatemala oder entlang der Nordküste. Beides einige hundert Kilometer von unserem Grenzübertritt aus El Salvador entfernt. So haben wir uns schweren Herzens entschlossen, die kürzeste Strecke nach Nicaragua durchzufahren,obgleich man die auch sicher lieben Menschen und die wahrscheinlich ebenfalls sehenswerte Natur des Landes unberechtigt links liegen lässt. Wie so oft sind auch daran letztlich die Politik und die Korruption nicht unschuldig. Drei Bemerkungen dennoch zum Land, die uns beim Durchfahren aufgefallen sind: Die Straßenverhältnisse auf der von uns gefahrenen Strecke waren überraschend gut, wenig Schlaglöcher, erstmals seit Mexiko keine Topes (ein Segen), aber eben auch wieder große Müllberge überall entlang der Landstrasse.
Unser Trip durch Nicaragua beginnt am Somoto Canyon. Von unserem Stellplatz aus wandern wir mit unserem Guide Henry am Rand des Canyons in einer 4stündigen Tour einige Aussichtspunkte entlang und dann in die Schlucht hinunter, wo wir eine kleine Bootsfahrt auf dem Fluss Coco unternehmen, der den Canyon bildet und bis zur Karibik weiterfließt. Dieser führt nach der Trockenzeit wenig Wasser, so dass der Canyon in seiner ganzen Ausdehnung sichtbar ist. Was von oben noch relativ unspektakulär wirkt, ist von unten durch das bizarre Felsgestein ein einprägsames Naturerlebnis.

In Estelí machen wir nur kurz Zwischenstation, schauen uns aber die dortige Tabakfabrik „Tabaclera Perdomo“ an, durch die wir auf Anfrage am Werkstor eine kurze kostenlose Führung bekommen. Die Fabrik befindet sich in kubanischem Besitz, aber es wird natürlich nicaraguanischer Tabak der Umgebung verarbeitet. Die fertigen Zigarren werden dann zu 80 % in die USA (Miami) und zu 20 % in die EU exportiert. In der Lagerhalle ist der Tabakgeruch so intensiv (obwohl schon sehr aromatisch), dass wir es kaum aushalten. Die Fabrikhallen wirken sehr sauber, die Arbeiter geschult (wenn uns auch die Arbeit auf Dauer gesehen sehr eintönig erscheint) und die Handgriffe professionell. So können 35.000 Zigarren am Tag gerollt werden.

Auf dem Weg nach León machen wir noch den Abstecher nach Matagalpa, der sich aber kaum lohnt. Die Stadt hat nur ein kleines Zentrum, die umgebenden Straßen bieten nicht viel Sehenswertes, das Befahren ist aufgrund des Trubels und der vielen schlecht gekennzeichneten Einbahnstraßen wie immer schwierig und auch ein einladendes kleines Restaurant suchen wir vergeblich. Zudem hat das Kaffeemuseum geschlossen.
Die nicaraguanischen Straßen machen bisher einen sehr guten Eindruck, glatt asphaltiert, wenig Schlaglöcher und kaum Topes (nur in León und einigen anderen Orten sehen wir ein paar wenige). So kommen wir gut und relativ entspannt voran und so könnte es weitergehen. Allerdings scheint es sogar im kleinsten Ort mindestens eine Schule zu geben, deren Bereich immer auf der Straße markiert und mit 25km/h Geschwindigkeitsbegrenzung versehen ist. Die Einheimischen halten sich jedoch nie daran….
Wir campen etwas südlich von León auf einer Ranch mit viel Natur (Danke an den äußerst herzlichen Inhaber Axel für die Hilfe und das gute Essen) und fahren von dort mit dem Taxi in die Stadt. Noch immer scheint die Situation im Land angespannt, wenn es auch ruhiger ist als noch vor drei Wochen, wo es tagelang gewaltsame Kundgebungen, offenbar auch mit über 50 Toten (Schuldfrage wie immer in heißer Debatte), gegen die Regierung gab. Diese wollte wohl die Sozialabgaben erhöhen und Renten kürzen, was der Auslöser (aber wohl nicht die tiefere Ursache) der Proteste gewesen sei.
Die Sozialreformen wurden mittlerweile zurückgezogen, vor allem Proteste der Studenten in den Städten gibt es aber derzeit noch. So erscheint es uns mit dem Taxi sicherer, denn wenn es Kundgebungen oder Demonstrationen geben sollte, bekommen wir das eigene Auto möglicherweise nicht mehr aus der Stadt heraus. Unsere Sorge bleibt aber unbegründet. In León ist es ruhig und wir haben die Gelegenheit, uns die größte Kathedrale Zentralamerikas vom weitläufigen Kuppeldach anzuschauen, was schon beeindruckend ist. Allerdings ist auch die ohnehin drückende Schwüle, die wir schon seit einigen Tagen haben, hier oben kaum auszuhalten. Um den Parque Central herum können wir schön flanieren, einige der 16 Kirchen der Stadt liegen nahe des Zentrums und sind jede für sich ein Kleinod. Außerhalb des zentralen Platzes finden sich die typischen mittelamerikanischen Straßenzüge wie in anderen Städten auch, hier mit recht gut erhaltenen bunten Häusern, Geschäften und recht preiswerten Restaurants. Die Menschen sind wieder freundlich, gefühlt aber etwas reservierter und nicht mehr ganz so herzlich wie noch in Guatemala oder El Salvador. Natürlich sind das wie immer subjektive Eindrücke, die wir aber immerhin beide gleichermaßen haben.

Am nächsten Tag meiden wir auf dem Weg zum Vulkan Masaya die Hauptstadt Managua weiträumig, auch wenn wir dafür einige Offroad-Kilometer durch das Hinterland in Kauf nehmen. Interessant ist nebenbei, dass sich die Müllsituation im Hinterland noch verschlechtert, das heißt auf den unbefestigten engen Lehmstraßen durch die ärmlichen Behausungen und den angrenzenden Wald häuft sich der Abfall zu Bergen. Und wir hatten schon gedacht, die Umweltsituation ist etwas besser als in Guatemala oder El Salvador. Dem ist zumindest im Landesinneren nicht so. Dann treffen wir auf die ersten Straßenblockaden, die wir noch passieren bzw. auf Schleichwegen umfahren können. Mit etwas Risiko und Gas verhindern wir, dass uns mit Sprühdosen Parolen auf die Windschutzscheibe gesprüht werden. Am Eingangstor zum Vulkan erfahren wir, dass die gesamte Gegend, also auch die Straße nach Granada und andere Städte mit Straßenblockaden dicht sind. Daher wird der Park zum Vulkan auch nachts geschlossen. Es wird also nichts mit unserer Abendtour. So fahren wir gleich zum Krater hinauf, der aber auch tagsüber beeindruckend ist und von der brodelnden Lava im Kratergrund kräftig raucht. Der letzte große Ausbruch war im Jahr 1772. Aufgrund der Dämpfe darf man nur 5 Minuten am Kraterrand verweilen. OK, selbst das wäre in Deutschland wahrscheinlich gar nicht möglich. Wir bleiben sogar 15 Minuten, weil der Parkwächter am Krater gerade Deutsch (!) lernt (er zeigt uns deutsche Vokabeln auf einem Papierblock) und an die Besucher aus Alemania gleich noch ein paar Fragen dahingehend loswerden kann. Eigentlich wollen wir am Eingang des Parks übernachten, aber hier stehen wir relativ ungeschützt. Letztlich finden wir in der Nähe des Vulkans noch ein (sehr gutes) Restaurant mit einem wunderbaren Blick auf die Laguna de Masaya und können dort sicher hinter dem Eingangstor übernachten. Wir erfahren, dass morgen Vormittag wieder Verhandlungen der Demonstranten mit der Regierung stattfinden. Was da rauskäme, könne die Situation in die eine oder andere Richtung verändern. Unser Auto würde aber nicht angegriffen und demoliert, weil wir Touristen sind, werden wir vom Inhaber beruhigt. Na prima.

Es scheint nun leider doch wieder mehr im Land zu brodeln, als wir bisher dachten. Und wir wollten in den nächsten zwei Tagen nach Granada…. Daraus wird nichts. Am nächsten Tag müssen wir morgens (wunderbar, wenn der Tag so beginnt) zunächst zur Kenntnis nehmen, dass unsere Starterbatterie dabei ist, ihren Geist aufzugeben. Nach zwei Jahren bereits dahin. Das Starten geht nur mit Hilfe der Versorgungsbatterie, aber immerhin das.
Wir versuchen den Weg zur Laguna de Apoyo erstmal über Masaya – keine Chance. Überall teilweise meterhohe Straßenblockaden mit Backsteinen, davor teils vermummte Jugendliche mit Knallkanonen. Teilweise werden die Straßen auch mit Ästen blockiert oder wir werden auf Nebenstraßen verwiesen, die dann aber auch wieder nur an der nächsten Blockade enden – kein Durchkommen. Also wieder zurück über die Offroadstrecke an der Laguna Masaya entlang mit dem Ziel, doch noch die Laguna de Apoyo zu erreichen. Aber auch hier ist selbst in den Dörfern kein Durchkommen. Wir werden an den Blockaden nicht wirklich bedroht, man erklärt uns auch ruhig und ausführlich, warum auf diese Weise protestiert wird, aber das Alles hilft uns nicht weiter. Da auch die Straße nach Granada als aussichtslos blockiert beschrieben wird, versuchen wir den Weg dorthin gar nicht erst. Sehr schade, gerade Granada hätten wir uns gerne angesehen. Mit Hilfe von zwei Einheimischen, die mit dem Motorrad auf unbefestigten, engen Schleichwegen voranfahren, gelangen wir schließlich Richtung Süden nach Nandaime und von dort weiter nach San Jorge zur Fähre nach Ometepe. Also komplette Umplanung. Eigentlich wollten wir auch noch eine Nacht in San Jorge übernachten, aber wir nutzen die Möglichkeit, den noch freien Platz auf der Autofähre nach Moyogalpa am frühen Nachmittag gleich heute zu nehmen. Etwas Erfreuliches hatte das ganze Dilemma doch noch, denn wir treffen in San Jorge am Fährterminal auf Katrin und Till, die mit ihrem Landcruiser gerade von Ometepe zurückkommen. So haben wir noch Gelegenheit zu einem kurzen Plausch. Wir haben mit den Beiden seit über einem Jahr E-Mailkontakt, sind uns aber bisher noch nicht über den Weg gefahren. Schön Ihr Beiden, Euch mal persönlich getroffen zu haben. Vielleicht sehen wir uns ja in Kolumbien wieder! Allerdings erfahren wir, dass es auch auf der doch recht kleinen Insel Straßenblockaden gibt (wie sinnvoll ist das denn?). Auch dann in Moyogalpa laufen Jugendliche mit Böllerkanonen durch die Straßen und bedrohen unsere Trommelfelle. Es riecht, wie früher die Zündplättchen…. Sinnvolle und vor allem wirksame Proteste, wogegen oder wofür auch immer, sehen unserer Meinung nach anders aus.

Die Insel im Nicaraguasee wird gebildet und bestimmt durch die beiden Vulkane Conceptión (1.647 m) und Maderas (1.371 m). Wir umrunden die Insel in zwei Tagen komplett, etwa die Hälfte der Straßen ist mit Gehsteigplatten (!) gepflastert, der andere Teil ist unbefestigt und teilweise sehr grobsteinig und uneben. Vorteil der unbefestigten Straßen sind die fehlenden Straßensperren, von denen wir sonst einige sehen, aber nur an einer etwas aufgehalten werden.
Hübsch ist die Sandbank Jesus Maria, die als Landzunge in den See hineinragt und die Reserva Charco Verde, in der ein einstündiger Wanderweg durch die Wälder führt. Außerdem ist ein sehr lebendiges Schmetterlingshaus zu besichtigen. Bei dem Ojo de Agua, einem kleinen Waldbad aus natürlichem Quellwasser, gibt es einen schönen kleinen Trail durch Bananenplantagen. Der berühmteste Strand, die Playa Santo Domingo auf der Landzunge zwischen beiden Vulkanen, ist nicht übermäßig spektakulär und aus grauem Vulkansand, aber immerhin nicht zugemüllt wie sonst. In San Ramón können wir an der Estacion Biologica de Ometepe gegenüber der dortigen Finca kostenlos am Strand übernachten und machen am nächsten Vormittag die bei der herrschenden schwülen Hitze (tagsüber um die 35°C im Schatten) schweißtreibende Wanderung zum Wasserfall Cascada San Ramón (3 Stunden hin und zurück für 6 km, hin allerdings recht steil aufwärts und teilweise über Geröll). Unterwegs sehen wir einige Kapuzineraffen, die sich über uns in den Bäumen tummeln und tüchtig brüllen. Der sicher weit über 100 m hohe Wasserfall bietet dann einen spektakulären Anblick.
Der Besitzer der Finca erzählt uns noch in gutem Englisch, dass die ersten Gespräche zwischen Regierung und Aufständischen eine „Farce“ gewesen seien und daher mit verschärften Protesten und Unruhen gerechnet werden muss. Daher rät er uns ab, nochmals zu versuchen, in Richtung Granada zu fahren, sondern den direkten Weg zur Grenze nach Costa Rica zu nehmen. Das machen wir allerdings noch nicht, weil wir hoffen, dass es zumindest in Richtung Pazifikküste keine Blockaden gibt, da für das Wochenende vereinbart wurde, dass keine Proteste stattfinden.

Wir haben Glück und kommen ohne Wartezeiten in Richtung San Juan del Sur an. Vorher tauschen wir nach der Fährfahrt von Ometepe zurück aber in Rivas noch die mausetote Starterbatterie, was sich als nicht so einfach herausstellt. An Tankstellen oder in Märkten hatten wir bisher keine von Maßen und Kapazität her passende Batterie gefunden, so fahren wir zu einer Autowerkstatt und fragen nach. Mmmh, Rätsel raten auch dort. Ralf darf dann mit einem Mechaniker auf dem Motorrad (abenteuerlich, gut festhalten!) zu einem „Batteriehändler“ mitfahren. Aber auch dort gibt es nach langem Suchen entweder nur von den Maßen zu große oder aber mit passenden Maßen von der Kapazität her zu kleine Batterien. So entscheiden wir uns für eine passende, die zwar eine etwas kleinere Kaltstartstromstärke und Kapazität als die verbaute hat, aber reinpasst und immerhin Made in Mexiko und nicht in China ist. Schauen wir mal, jedenfalls springt Herr Fuchs ohne Hilfe der Versorgungsbatterie jetzt erstmal wieder an.
Dann schauen wir uns zunächst die als „wunderschön“ beschriebenen Strände von Maderas und Marsella (hier übernachten wir auch) nördlich von San Juan del Sur an. Der Pazifik ist recht wild und bietet sehr gute Bedingungen für Surfer. Die Strandbuchten sind ganz nett, nicht weniger, aber auch nicht mehr und bieten Lebensraum für riesige Krabben, die auch recht weit ins Landesinnere wandern und auf unserem Stellplatz an einem Hostel von den Einheimischen gefangen und zum Abendbrot serviert werden. Am seichten Fluss, der hier ins Meer mündet, wird vor Krokodilen gewarnt. Sehr positiv ist, wie auch später in San Juan, dass wir endlich mal Strände vorfinden, die nicht zugemüllt sind. Seit Mexiko waren wir das so gar nicht mehr gewöhnt. Auch die recht schöne Sandbucht von San Juan del Sur ist relativ sauber und die Flut schwemmt kaum Müll an. Da macht es richtig Spaß, am Strand zu schlendern. Der Blick von der Plattform der 26 m hohen Christusstatue auf einem nahen Hügel auf die Stadt ist toll, die Statue selbst beeindruckend und nicht viel kleiner als die in Rio (dort 30 m hoch). Das Städtchen selbst ist geprägt von viel Strandatmosphäre, viktorianischen Holzhäusern und prima Restaurants. So verbringen wir hier unseren letzten Abend im Land, bevor es nach Costa Rica weitergeht. Morgen sollen auch die Verhandlungen zwischen Regierung und „Rebellen“ weitergeführt werden und jederzeit muss so mit weiteren Unruhen gerechnet werden. Wir sind trotzdem dankbar, einiges von dem Land gesehen zu haben. Auch hier trafen wir größtenteils auf gastfreundliche Menschen und haben uns trotz der gespannten Lage recht sicher gefühlt, auch hier natürlich entsprechend wieder mit der ständig gebotenen Vorsicht und vermeintlich sicheren Stellplätzen in den Nächten.
Wir wünschen den Menschen in Nicaragua eine friedliche Lösung ihrer Probleme und das es ihnen gelingt, bürgerkriegsähnliche Zustände zu vermeiden.