20.07. bis 06.08.18 – Kolumbien zum Ersten

Ungewohnt für uns erreichen wir mal wieder ein Land per Flugzeug. Es ist nur ein kurzes Stück mit dem Taxi vom Flughafen bis zu unserem Hotel am Meer, wo wir 4 Tage bleiben wollen bzw. müssen, da wir ja Herrn Fuchs, wenn er denn die Küste pünktlich erreicht, aus dem Hafen auszulösen haben. Allein für diese (fast schon krankhaft bürokratische) Prozedur sind 2 Tage einzuplanen – schrecklich.
Wie immer, hat aber alles auch sein Gutes, denn Cartagena ist in der Tat eine sehenswerte Stadt.
Natürlich insbesondere durch die geniale Altstadt, die von einer Stadtmauer umgeben ist, von der wir zudem die Karibikküste vor der Stadt gut überblicken können. Zahlreiche Kanonen zeugen davon, dass die dicke Mauer zur Verteidigung gegen Piraten errichtet wurde. Die Bauarbeiten begannen nach den Angriffen des berühmten englischen Piraten Francis Drake gegen die spanischen Kolonialherren Ende des 16. Jahrhunderts. Innerhalb des Schutzwalls finden wir wunderbare, perfekt erhaltene Kirchen, Klöster, Paläste und Herrenhäuser mit den charakteristischen Balkonen aus der Kolonialzeit. In den engen Gassen fahren Pferdekutschen, Kunstmaler und verschiedene Händler preisen ihre Waren an. Natürlich ist mittlerweile alles dem Tourismus verschrieben, die Restaurants sind überteuert (ein paar hundert Meter weiter außerhalb der Stadtmauer können wir jedoch preiswert und relativ anständig essen), die Preise der edlen Boutiquehotels wollen wir gar nicht wissen.
Auf der anderen Seite wird viel gebettelt, die überall lauernden illegalen Straßenhändler sind zwar nicht wirklich aufdringlich, aber doch lästig und sollen neben dem allgegenwärtigen Touristenplunder auch Frauen und Kokain anbieten (uns bisher nicht). Hier patrouilliert die Touristenpolizei relativ zahlreich – allein in der Altstadt etwa 2000 (!) Polizisten. Daher gilt Cartagena wohl als die sicherste Großstadt des Landes.
Das Castillo de San Felipe, die größte Festung, die die Spanier je in ihren Kolonien gebaut haben, wurde trotz vieler Versuche niemals von Feinden eingenommen. Es wurde über 100 Jahre von 1657 bis 1769 mit viel Detailliebe errichtet und ist mit einem kompliziertem Tunnelsystem ausgestattet. Dieses wurden so konstruiert, dass selbst die kleinsten Geräusche eines möglichen Gegners im gesamten System zu hören waren und man sich ansonsten selber verständigen konnte. Zudem haben wir vom Castillo einen recht guten Überblick über die Stadt und die Küste.
Am nächsten Tag (Montag) gelingt es uns in einem beispiellosen bürokratischen Kraftakt, Herrn Fuchs innerhalb eines Tages aus dem Hafen auszulösen. Ralf als Fahrzeuginhaber (nur der darf in das Hafengelände) läuft dazu zwischen 08.00 Uhr und 16.00 Uhr über 10 km im und um den Hafen zwischen diversen Hafenbehörden, Zoll, Banken und Containerentladestelle immer wieder hin und her. Wäre das Ganze nicht so sinnfrei traurig, könnte es fast als grotesk bezeichnet werden. Am Ende zeigt sich letztlich einmal mehr, dass alles mehr oder weniger eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und natürlich Geldquelle für die genannten Stellen ist. Warum? Das einzig sinnvoll erscheinende, nämlich die Zollkontrolle des Autos auf Zugehörigkeit zum Inhaber oder illegale Mitbringsel, wird gar nicht durchgeführt! Da die Zollbeamten zu bequem sind, die 15 Minuten vom Zollgebäude zum Hafen zu laufen (zugegeben, in der mörderischer Hitze bleibt man lieber in den gut klimatisierten Büros), wird Ralf angewiesen, Fotos von der Fahrgestellnummer und dem Nummernschild nach der Entladung aus dem Container mit dem eigenen Handy (!!) zu machen und diese selbst ins Zollgebäude zu schaffen. Damit gibt man sich dann auch zufrieden und stellt die temporäre Importbewilligung aus. Die Sinnlosigkeit (außer der Geldeinnahme) dieses ganzen Procedere wird damit einmal mehr bestätigt. Aber alles egal: Am Ende des Abends haben wir die nötigen Papiere, Herr Fuchs steht vor dem Hotel und wir freuen uns, unsere Kolumbien-Tour jetzt richtig zu beginnen.
Diese startet zunächst in Cartagena, um die Autoversicherung zu kaufen und uns wieder mit Lebensmitteln einzudecken. Die Fahrt durch die Stadt ist vor allem durch die permanent drängelnden und den Weg abschneidenden Busse, die unzähligen Motorräder und die unsäglichen Mengen von rücksichtslosen Taxis unter einem einzigen lautem Hupkonzert (wenn jeder bei jeder Kleinigkeit hupt, verliert das Hupen komplett seinen Sinn und irgendwann hört man es gar nicht mehr) eine Tortur. Wieviel Verkehrstote es allein unter den Motorradfahrern jedes Jahr gibt, wäre schon einmal interessant.

Zunächst geht es mit zwei Zwischenübernachtungen fast 600 km Richtung Osten und dann nach Süden Richtung Bucaramanga. Vorher biegen wir weiter Richtung venezuelische Grenze in die Berge auf 1.500 m nach La Playa de Belen ab. Nicht nur auf den teils zweispurigen großen Landstraßen, sondern auch auf der Bergstraße Richtung La Playa zahlen wir regelmäßig Maut, umgerechnet zwischen 2-3 Dollar/Station, so dass wir am ersten Tag für die knappen 300 km auf 10 Euro kommen. Das ist für uns schon recht viel, für die Kolumbianer dürfte das bei regelmäßigen Fahrten kaum bezahlbar sein. Daher sind diese Preise etwas verwunderlich. Da waren wir in Panama verwöhnt, selbst in Costa Rica hielt sich das in deutlich engeren Grenzen. Gut, die Straßen sind in recht gutem Zustand, Topes gibt es nur in den Städten.

Im Bergdorf La Playa de Belen sind wir etwas abseits touristischer Pfade. Das Örtchen ist von bizarren Sandsteinformationen umgeben und grenzt direkt an die Area Natural Unica Los Estoraques, einem der kleinsten Naturschutzgebiete in Kolumbien. Die Architektur des Ortes unterlag einer strikten Planung, über den einheitlichen Baustil, den hohen Bürgersteigen bis hin zu den exakt gleichen Abständen der Blumentöpfe an den weiß getünchten Wänden. Von mehreren Aussichtspunkten der umgebenden Sandsteinfelsen haben wir schöne Ausblicke über das Tal mit dem eingebetteten Städtchen. Wir übernachten für ein Entgelt im Garten einer Fleischerei, die noch zusätzlich einen Campingplatz betreibt. Zudem haben wir hier auf 1.500 m endlich angenehmere Temperaturen, vor allem nachts knapp unter 20°C. Nach den über 40°C Grad im Schatten in Cartagena eine wahre Wohltat.
Die Kolumbianer sind uns bisher sehr neugierig, aber meist überaus nett und gastfreundlich begegnet. Das trifft nicht nur auf Zivilisten zu, auch mit einer Gruppe (schwerbewaffneter) Soldaten, die sich auf einem unserer Übernachtungsplätze unterwegs neugierig um unser Auto gruppieren, unterhalten wir uns eine gute halbe Stunde (z.T. allerdings mit Hilfe des Handy-Übersetzungsprogrammes). Alle wollen von uns hören, was Kolumbien doch für ein schönes Land sei, was wir natürlich immer bestätigen. Der Nationalstolz ist im positiven Sinne sehr ausgeprägt, wie wir das seit Mexiko häufig erlebt haben.

Die Area Naturales Unica Los Estoraques erreichen wir bequem zu Fuß vom Dorf aus. Erst einmal gilt es, ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen. Am Eingang des Parks, der eindeutig dem Staat Kolumbien gehört und kostenfrei ist, steht ein Mann, der Geld verlangt, sich aber nicht ausweisen kann. Wir weigern uns zunächst zu zahlen und laufen nochmal zur Touristeninformation im Dorf zurück. Dort klärt sich die Sache: Der Nationalpark ist wohl von einem Stück Privatland umgeben und der Besitzer hat das Recht, für das Betreten ein Entgelt zu verlangen. Dasselbe ist uns schon bei einem der Aussichtspunkte passiert, die zwar öffentlich sind, zu denen man aber nur über Privatgelände gelangt. Keine schlechter Platz für den Erwerb eines Privatgrundstück, der tägliche Wegzoll der Touristen ist einem auf jedem Fall sicher, solange die öffentliche Hand das offenbar toleriert.
Die verwitterten Sandsteinformationen mit ihren Säulen, Hügeln und Höhlen sind gewissermaßen eine abgespeckte Miniaturausgabe des Bryce Canyon, zumindest lassen sie einige Erinnerungen an dieses monumentale Naturwunder in uns wieder aufleben, als wir zwischen den gewaltigen Säulen hindurch laufen. Die Steinformationen entstanden durch Erosion und schimmern durch Eisenoxid etwas rötlich.

In Kolumbien nehmen die zu fahrenden Kilometer wieder deutlich zu und so erreichen wir unser nächstes Ziel, den Canyon von Rio Chicamocha nach 300 km südwärts, vorbei an der Millionenstadt Bucaramanga und wieder hinauf auf 1.600 m Höhe in sehr angenehme Temperaturen um die 20°C. Vom schön gelegenen Refugio La Roca auf der Mesa de los Santos, wo wir auch übernachten, soll der Canyon am besten einzusehen sein, ist er aber nicht. Von hier aus sehen wir ein hübsches tiefes Tal mit begrünten Felswänden und in der Tiefe auch den Rio Chicamocha. Etwas mehr nach einem Canyon sieht die Landschaft dann vom Mirador in der Nähe der Seilbahn aus, von dem wir dann auch einen tieferen und weitläufigeren Einblick in die Schlucht erhalten. Die Kolumbianer bezeichnen ihn als „Grand Canyon Kolumbiens“. Diese Irreführung mag man ihnen nachsehen, da wohl die wenigsten von ihnen die Gelegenheit haben, den richtigen Grand Canyon zu bewundern. Wer einen kühlen und ruhigen Übernachtungsplatz sucht, dem sei der Trip auf guter Straße in die Höhe zum Refugio La Roca durchaus empfohlen, wer von Canyons so verwöhnt ist wie wir, der muss diesen allerdings nicht um jeden Preis gesehen haben.

Die Straße durch die Schlucht und auf der anderen Seite wieder empor Richtung San Gil ist allerdings durchaus malerisch, getrübt durch die vielen Trucks, die zum Einen aufhalten, zum Anderen in den Serpentinenkurven sich gegenseitig derart risikoreich überholen, dass wir gar nicht hinsehen möchten. Südamerika eben. So brauchen wir für 100 km nicht eine, sondern manchmal zwei oder drei Stunden Fahrtzeit. Auch hier in den Bergen wird regelmäßig und fleißig Maut kassiert. Wahrscheinlich sparen wir uns mindestens eine Mautstation, indem wir San Gil vermeiden und statt dessen offroad auf lehmiger Sand/Steinpiste (Achtung! Nicht bei Nässe fahren, dann wahrscheinlich stellenweise unpassierbar) auf der Höhe von Curiti quer hinüber nach Barichara fahren. Wir finden eine sehr sauber wirkende kleine Kolonialstadt mit architektonisch interessanten Kathedralen und Kirchen, den typisch weiß verputzten Häusern mit roten Ziegeldächern und den sorgfältig gepflasterten Straßen. Aufgrund der außerordentlich guten Erhaltung der Infrastruktur wurden hier viele historische spanischsprachige Filme gedreht.
Wir campen auf der Finca der Niederländer Joep und Julia, die sich eine wirklich schöne Oase in den Bergen geschaffen haben.
Bei leichtem Nieselregen wandern wir am nächsten Tag den Camino Real, ein mit groben Steinen gepflasterter Wanderweg zwischen Barichara und Guane. Er wurde 1988 zum Nationalmonument erklärt. Das indigene Volk der Guane hatte ihn erbaut und über die Jahrhunderte wurde er immer mal wieder erneuert. Guane selbst besteht eigentlich im Wesentlichen aus der zentralen Plaza, von der auch Busse zurück nach Barichara fahren und der darauf befindlichen obligatorischen Kirche, aber auch einem kleinen Museum.
Ein dreirädriges Tuk-Tuk bringt uns dann in abenteuerlicher Fahrt (der jugendliche Fahrer und sein Freund machen sich sichtlich einen Spaß daraus, uns mal so richtig durchzuschütteln) von Barichara zurück auf unseren Campingplatz.

Weiter geht es zunächst Richtung Südosten durch San Gil und dann offroad die als 64 bezeichnete Straße über unseren nunmehr ersten Ausläufer der Anden, der hier Cordillera Oriental genannt wird. Die lehmige Geröllstraße zieht sich 100 km durch das Dorf Joaquin entlang über eine Höhe von 3.400 m. Dafür brauchen wir mit Mittagspause über 3 Stunden. Aber auch auf den extrem kurvenreichen asphaltierten Hauptstraßen brauchen wir wegen der vielen Trucks recht lange und sind (mit Einkaufsstopp in San Gil, insgesamt 260 km) bis zu unserem Ziel, dem Bergdörfchen Mongui über 8 Stunden unterwegs. In dieser Abgelegenheit auf 2.800 m Höhe (schön sind die im Schlafsack angenehmen Nachttemperaturen um die 10°C) erwartet man kaum so einen gepflegten, sauberen und einem Alpenstädtchen in nichts nachstehenden Ort. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es die Tradition der Herstellung handgefertigter Fußbälle aus Leder, die in alle lateinamerikanischen Länder exportiert werden. An der Plaza gibt es mehrere dieser „fabricas de ballones“, wo wir auch einen kurzen Blick in die Herstellung werfen dürfen, besichtigen können wir aber heute leider nicht.
Den Lago de Tota, den größten See Kolumbiens, finden wir 50 km südlich davon, doch die Ausdehnung ist nicht das Beeindruckendste daran. Aber er liegt auf 3.100 m Höhe und ist immer noch von Bergen und üppiger Vegetation umgeben! An der Playa Blanca, einem weißen Sandstrand finden wir einen wunderbaren Stellplatz. Das sogenannte „paramo- Ökosystem“ in dieser Region gibt es nur in wenigen Ländern der Welt. Die Gletscher erschufen es als tropisches Ökosystem im Gebirge zwischen 3.000 und 5.000 m Höhe, das durch Seen, Ebenen, Torfmooren und Feuchtgebieten gekennzeichnet ist.

Der Weg nach Westen führt uns vorbei am Restaurant des Schweizers Roman (Suisse Gourmets), der hier selber Wurst und verschiedene Backwaren herstellt. Wir essen Ungarischen Gulasch und Thüringer Bratwürste (schmecken wirklich so ähnlich). Sehr empfehlenswert.
In Villa de Leyva schauen wir zunächst zu El Fosil, einem 120 Millionen Jahre alten Kronosaurus, immerhin mit 12 m Länge ein recht großes Meeresfossil. Es befindet sich an derselben Fundstelle, wo man es im Jahre 1977 bei Ausgrabungen fand.
Die Stadt selbst wurde 1954 unter Denkmalschutz gestellt, ist relativ touristisch, aber sehr sauber und als architektonische Einheit mit den typisch grob gepflasterten Straßen und weiß verputzten Häusern sehr gut erhalten. Die Plaza Mayor ist mit 14.000  m² der größte freie Stadtplatz in Kolumbien. Der große Markt am Samstag bietet neben Obst und Gemüse aller Art viel Gekochtes und Gebratenes aus riesigen Töpfen und Pfannen, dazu Schuhe Kleider und Handwerkliches.
Das bizarr geformte Terracottahaus zieht die Touristen magisch an, wir besichtigen es natürlich auch. Es ist voll ausgestattet, wurde aber nie bewohnt. Am Sonntagmorgen gehen einige Einheimische nicht in die Kirche, sondern pilgern ziemlich steil zur Jesusstatue empor, die 300 Höhenmeter weiter oben vom Berg auf die Stadt schaut. Wir schließen uns ihnen an.
Unser Eindruck der ersten 14 Tage in diesem Land bestätigt sich auch hier: Die meisten Menschen sind wieder sehr freundlich, das Essen ist gut und preiswert (wenn man in den Touristengegenden die Abzocke in manchen Lokalen vermeidet), die Campingplätze sind sehr ordentlich mit sauberen Sanitäranlagen (genauso wie die meisten öffentlichen in den Städten). Wir sind von der hohen Entwicklungsstufe und der Sauberkeit und Ordnung im Land bisher sehr positiv überrascht.