20.10. bis 30.10.18 – Von der Cordillera Blanca in das Heilige Tal

Wieder brechen wir zu einer Andenüberquerung auf, starten von Huaraz aus erst Richtung Süden, dann nach Osten in den Parque Nacional Puya Raimondii, natürlich auf gerölliger Wellblechpiste. Der Park ist benannt nach den dortigen riesigen Bromelien (Puya Raimondii) , die in der steppenähnlichen Landschaft neben der Straße wie Bäume in den Himmel ragen. Beeindruckend, wenn man danebensteht oder durch eine solche Bewachsung hindurch läuft. Sie werden 40 bis 100 Jahre alt und erreichen eine beeindruckende Höhe von 4-8, teilweise bis 10 Meter. Das Unglaublichste ist aber, dass hier auf 4.200 m Höhe immer noch eine vielfältige Vegetation zu finden ist, wofür die Bromelien stellvertretend stehen. Dann geht es für Herrn Fuchs mal wieder zu nächsten Höhenrekorden: Beim Glacier Pastoruri erreichen wir bis zum dortigen Parkplatz eine Höhe von 4.865 m, später auf dem Pass sogar 4.890 m. Wir wandern ein ganzes Stück bis zur Gletscherabbruchkante und überwinden dabei zu Fuß auch wieder die 5.000 Metermarke. Zwar hat sich der Gletscher in den letzten 20 Jahren viele Meter zurückgezogen, dennoch ist seine gewaltige Kante schön anzusehen, die sich im vorgelagerten Gletschersee spiegelt.

Der Pass weiter Richtung Osten führt viele Kilometer einsam immer etwas über 4.800 m Höhe auf schmaler Piste, die mehr wassergefüllte und damit tückische Schlaglöcher aufweist, als ein Schweizer Käse. Schließlich kommen wir bei strömenden Regen in Huallanca an und nehmen uns ein Zimmer im Hostel, weil wir trocken übernachten wollen, eine warme Dusche brauchen und einen sicheren Parkplatz für Herrn Fuchs bekommen.
Am folgenden Morgen starten wir auf der Straße 3N von Huallanca in Richtung Huanuco. Nach wenigen Kilometern geht diese in eine „asphaltierte“, extrem kurven- und noch mehr schlaglöcherreiche und später dann in eine unbefestigte, durch den häufigen Regen hier in der Region zunehmend schlammige Piste über. Katastrophale Straßenverhältnisse finden sich auch in den unzähligen an der Strecke liegenden Dörfern. Wer ohnehin letztlich an die Küste will, dem empfehlen wir, besser vom Parque Nacional Puya Raimondii gleich nach Westen Richtung Meer zu fahren und dann eben die Autobahn Richtung Süden durch Lima in Kauf zu nehmen. Aber so haben wir nun anders entschieden und fahren in den Anden weiter Richtung Süden. Nach einer Zwischenübernachtung im kleinen Städtchen Yanacancha führt uns die nächste Etappe zunächst auf breiter und glatt geteerter Straße über den Cerro de Pasco auf 4.400 m und dann auf einer über 4.000 m hohen Hochebene fast 100 km Richtung Süden. Das ist schon erstaunlich: Wir kommen uns hier vor (auch von der Vegetation her) wie in einer weiten isländischen Ebene auf Meeresspiegelhöhe und fahren doch gerade mal 800 m unter der Gipfelhöhe des Mont Blanc!
Die Städtchen Cerro de Pasco (Zink und Blei) und La Oroya (Erz) sind zwei der größten Bergbaustandorte Südamerikas. Allerdings sind die Arbeitsbedingungen schlecht und die Verschmutzung der Städte groß. Beim Durchfahren bekommen wir nur einen kurzen Eindruck von den ärmlichen Quartieren der Minenarbeiter. Aber wir bewegen uns auf der 3S zunächst trotz der zahlreichen Trucks gut voran, da die Straße ziemlich breit ist. Bei San Francisco geht es dann auf die Pisten 897 und 776 in Richtung Südwesten in das Reserva Paisajistica Nor Yauyos- Cochas, bis wir am Nachmittag wieder auf die asphaltierte 24 stoßen. Die beiden zum Teil recht ausgewaschenen und steilen Geröllpisten führen uns fast 90 km lang und wieder über 4.600 m Höhe. Wir sind hier oben zum Teil völlig einsam. Nur die vereinzelten Jurten der Schäfer unterbrechen die karge, mit trockenem Gras bewachsene Landschaft. Vor allem im 2. Drittel der Strecke sehen wir von oben aber auch sehr fruchtbare, grüne, oasenartige Täler an breiten Flussbetten, die in stufenähnlich kleinen Wasserfällen kilometerweit ins Tal abfließen und so grüne Plateauebenen bilden.

Der weitere Verlauf der 24 bis zur Küste ist zwar asphaltiert, führt uns aber mit sehr schmaler Straße (viel breiter als 2 m zu sein ist nicht ratsam) serpentinenartig von 3.500 m Höhe hinab bis letztlich auf Meeresspiegelhöhe. Das wir fast wieder den ganzen Vormittag für vielleicht 150 km verbringen, liegt aber an den unzähligen, meist völlig sinnfreien Topes, die gefühlt fast alle 500 m die Straße blockieren, egal ob vor oder nach einem Ort. Innerhalb von Ortschaften sind ohnehin unzählige oder wie zum Hohne auch einfach in der Landschaft, sogar entlang des Abgrundes ohne ersichtlichen Grund. So extrem haben wir das noch nicht mal in Mexiko erlebt. Die vielen Kreuze zum Gedenken der Verkehrstoten am Wegesrand sind wohl nicht nur der schmalen Straße und dem Weg am Abgrund geschuldet. Viele Topes sieht man erst (zu) spät, da meist einfach die Farbe des Asphaltes haben oder hinter Kurven angelegt sind. Wenn also ein Motorradfahrer einen solchen übersieht und aus dem Gleichgewicht kommt, ist es schon passiert. Und wie schon in Mexiko erwähnt: Ambulanzfahrzeuge brauchen bei diesen Straßenverhältnissen zu einem Notfall im Bergdorf eigentlich gar nicht erst loszufahren…. Diejenigen, die hier Verantwortung tragen oder tragen sollten, sind diese Strecken noch nie gefahren, darüber möchten wir Wetten abschließen. Dennoch kommen wir dank der Autobahn (wir können uns gar nicht mehr an die letzte Autobahnfahrt erinnern) an der Küste am Nachmittag im Wüstennaturschutzgebiet Reserva Nacional de Paracas auf der gleichnamigen Halbinsel an und übernachten ziemlich einsam an einer Rangerstation dort, wo die Wüste mit buchtengesäumter Steilküste auf das Meer trifft. Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Auto schöne Strecken an der Küste entlang und auch mitten durch die Wüsten- und Dünenlandschaft der Halbinsel, was schon Spaß macht, zumal der Sand hier nicht zu locker ist, so dass wir mit dem schweren Herrn Fuchs nicht Gefahr laufen, steckenzubleiben. Strandbuchten, wie die Playa Roja mit rotem Sand, der sich vom beigefarbenen Wüstensand kontrastreich abhebt, ergänzen das Bild.

Durch ziemlich ausgedörrte Landschaft führt unser Weg später am Tag in Richtung der Stadt Ica, deren Umgebung als ein landwirtschaftliches Wunder gilt. Trotz der wüstenähnlichen Umgebung gilt die Region z.B. als das führende Weinanbaugebiet des Landes. Unser eigentliches Ziel ist aber die Wüstenstadt Huacachina. Hier verbringen wir 3 Nächte auf einem Stellplatz direkt an der ausgedehnten Dünenlandschaft und treffen wieder auf eine große Weltenbummlergemeinde. Nach einer kleinen Wanderung auf die Pässe der großen Dünen haben wir einen schönen Blick auf das oasenähnliche Städtchen. Natürlich lassen wir uns eine Fahrt mit einem areneros (Strandbuggy), was uns in abenteuerlicher Fahrt durch die Sandlandschaft befördert, nicht entgehen. Sandboarde sind mit dabei und das Hinunterschlittern von den großen Dünen macht natürlich Laune. Am Eindrucksvollsten ist die Beobachtung des Sonnenuntergangs in der Wüste, natürlich immer etwas klischeelastig, aber mal was ganz anderes als am Meer. Angenehm sind nach der Kälte der Berge hier auch die Temperaturen – Sonne und Wärme tagsüber, nachts um die 15°C für einen angenehmen Schlaf im Auto.

100 km südlich stoßen wir dann auf die berühmten Nazca-Linien. Zunächst aber gilt der Blick den weniger populären, aber nicht weniger interessanten Palpa-Linien etwas weiter nördlich. Von Aussichtstürmen hat man einen mehr oder weniger guten Blick, insbesondere auf mehrere Figuren, die in das Gestein eines Hügels geritzt sind.
Im Museum Maria Reiche erfahren wir dann einiges über die Nazca-Linien und die jahrelange Arbeit der deutschen Forscherin an und mit diesen. Sie wurde 1903 in Dresden geboren und verbrachte sehr viele Jahre vor Ort in Peru, erkundete die Linien mit ihrem altem VW-Bus oder auch zu Fuß und nahm unzählige Vermessungen vor. Sie starb, zu Lebzeiten hoch geehrt, 1998 in Lima. Die Linien bilden, verteilt auf sage und schreibe 500 Quadratkilometer eines der größten Rätsel der archäologischen Forschung. Nach Maria Reiche wurden sie in der Zeit von 900 bis 600 v.C. von den Paracas- und Nazca-Kulturen geschaffen, indem diese die dunklere Oberflächenschicht des Pampa-Gesteins rillenartig entfernten und so die helleren, gipshaltigen Schichten darunter die sichtbaren Linien bilden konnten. Weiterhin wurden dunkel gefärbte Steine vom Wüstenboden auf beiden Seiten der Linien gestapelt. Zu sehen sind u.a. riesige Tiermotive wie eine 180 m lange Eidechse, ein Affe mit langem Ringelschwanz oder ein Kondor mit 130 m Flügelspannweite. Es gibt viele Vermutungen, warum die Urvölker diese Kunstornamente im Wüstenboden angelegt haben. Der interessierte Leser möge diese vielleicht im Internet nachlesen, es gibt die abenteuerlichsten Theorien, mehr oder weniger mit dem Versuch der wissenschaftlichen Begründung.
Wir haben in aller Bescheidenheit auch eine, allerdings weniger spektakulär und natürlich ohne jegliche Sachkenntnis in Archäologie: Vielleicht haben die Nazcas einfach nur ein wunderbares Kunstwerk im Wüstenboden schaffen wollen, genau wie die Felsmalereien und Steinhauarbeiten natürlich aus künstlerischen Ambitionen und entsprechenden Fähigkeiten entstanden sind. Da sie ihre eigenen Kunstwerke (sehr wahrscheinlich) nicht selber von der Luft aus betrachten konnten, mussten sie gute Kenntnisse in Mathematik besitzen, um die Figuren einigermaßen maßstabs- und proportionsgetreu in die Erde zu ritzen bzw. zu legen. Und sie brauchten ein extrem gutes Vorstellungsvermögen, wie diese denn am Ende aussehen sollten. Aber seit Mexiko wissen wir: Die Urvölker hatten immensens künstlerisches Können und eine so hoch entwickelte Kultur, dass man ihnen diese Fähigkeiten ohne Weiteres zutraut. Aufräumen kann man aber wohl mit einem Mythos: Aliens waren es sicher nicht. Steht man wenige Meter davon entfernt, sieht das alles doch sehr nach menschlicher Arbeit aus.
Bevor wir uns auf den langen Weg Richtung Osten nach Cusco machen, gönnen wir uns noch einen Abstecher zum Friedhof von Chauchilla, etwas 30 km südlich von Nazca. Hier finden wir mitten in der Trockenheit der Wüste ein Feld mit vielen freigelegten Steingräbern. Diese sind wirklich ausgesprochen interessant, denn in ihnen hat man zahlreiche Mumien und mit alten Stoffresten bekleidete Skelette freigelegt, die ausgezeichnet erhalten sind. So bedecken zum Teil noch Haare mit langen Zöpfen die Totenschädel. Daneben findet man Grabbeigaben und zahlreiche Knochen sowie Gebeine. Die Menschen, deren Überreste wir hier sehen, lebten wohl um 1000 vor Christus.
Wir bewältigen die 630 km von Nazca nach Cusco in etwas mehr als einem Tag, was hier in Peru eigentlich viel zu viel Fahrzeit ist. Entsprechend k.o. kommen wir in Cusco nach Einbruch der Dunkelheit an. Aber wir wollten den Sonntag ausnutzen, da hier an den vielen Baustellen auf dem Weg nicht gearbeitet wird und sich so die Wartezeit in engen Grenzen hält.

In Cusco besorgen wir uns erst einmal nur die Tickets für Machu Picchu sowie für die Zugfahrt dorthin und machen uns auf nach Ollantaytambo. In dem kleinen Ort startet unsere Zugfahrt nach Machu Picchu am nächsten Tag. Zunächst schlendern aber noch etwas durch die kopfsteingepflasterten Gassen und haben Glück: Auf der zentralen Plaza wird gerade (was auch immer) gefeiert und die Nachfahren der Inkas präsentieren sich in ihren bunten Trachten. Auch hier haben wir in den Hängen der umliegenden Berge sehenswerte Inka-Ruinen, die recht spektakulär auf großen, steilen Terrassen in den Hängen angelegt sind. Doch dazu im nächsten Bericht später mehr.

Kurz nach 06.00 Uhr am Morgen startet unser Zug vom kleinen Bahnhof in Ollantaytambo in Richtung Machu Picchu Pueblo. Sehr oft haben wir schon vor Beginn unserer Reise von der berühmtesten Inka-Stadt Südamerikas gesprochen und unsere Erwartungen an eines der größten Highlights unserer Abenteuertour waren entsprechend groß. Selbstverständlich ist eine solche Touristenattraktion entsprechender Nepp, dass ist hier in Peru nicht anders als an anderen „Weltattraktionen“. Insbesondere die Zugtickets sind unverhältnismäßig teuer, dasselbe gilt für die anschließenden Bustickets von Machu Picchu Pueblo (Das Dorf wird auch Aquas Calientes genannt und ist nur mit dem Zug erreichbar, daher werden die Preise entsprechend diktiert) in die Stätte hinauf. Wollte man Beides vermeiden, führt nur eine wohl sehr knifflige Offroadpiste in die Nähe der Ruine, die aber, gerade nach Regen und vor allem, wenn man alleine fährt, ein unkalkulierbares Risiko darstellt, zumindest nach dem, was wir darüber erfahren oder man nimmt eine längere Wanderung auf sich. Daher entschließen wir uns doch für die scheinbar teurere (wenn wir Herrn Fuchs im Fluss oder Schlamm versenken, wird es wohl erheblich teurer), aber sicherere Variante. Nun zeigt aber sowohl unsere Wetter-App als auch der Wetterbericht in der Zugticketverkaufsstelle bei Peru-Rail in Cusco heute für den ganzen Tag Regen über Machu Picchu an. Auch am nächsten Tag dieselbe Ansage. Dennoch sind wir das Risiko eingegangen in der Hoffnung, dass das Wetter in dieser Höhe und bei den hohen Bergen ohnehin nicht genau kalkulierbar ist. Wir sollten die Entscheidung nicht bereuen. Den ganzen Vormittag haben wir trockenes, über Machu Picchu sogar häufig sonniges Wetter und erst nach unserer Rückkehr mit dem Bus ins Pueblo fängt es später an zu regnen. Glück gehabt. Dann für uns die zweite spannende Frage: Ist die Stätte denn diesen Aufwand und die saftigen Preise wert? Oder ist die weltweite Bekanntheit nur ein gut verkauftes Klischee? Keinesfalls. Die wunderbare Lage auf einem schmalen Grat auf und zwischen den steilen, wolkenumsäumten Felsen, umgeben von üppiger Urwaldvegetation auf 2.430 m Höhe oberhalb des Rio Urubamba sowie die terrassenartige, phänomenale Architektur üben einen Zauber aus, den man nur vor Ort wirklich erfahren kann.
Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei der monumentalen Zitadelle aus dem 15. Jahrhundert um ein königliches Anwesen, entworfen vom Inkaherrscher Pachacutec. In seiner Blütezeit lebten hier wohl um die 500 Einwohner, sämtliche Gebäude wurden Stein auf Stein gelegt, ohne dabei Mörtel zu verwenden. Die Spanier haben diesen Ort nie entdeckt und daher ist es ein Rätsel, warum er letztlich verlassen wurde. Die hohe Kultur der Inka und deren sagenhafte Baukunst zeigt auch die Anlage der Terrassen, die geebnet und für landwirtschaftlichen Anbau über Kanäle bewässert wurden. Natürlich gibt es typischerweise eine zentrale Plaza, u.a. mehrere Tempel sowie Wohn- und Industriebereiche. Wir müssen den Beschreibungen der Archäologen dahingehend glauben, denn als Besucher kann man die Ruinen den ehemaligen Bestimmungen natürlich kaum zuordnen. Der Baustil der Inka zumindest war recht pragmatisch und erscheint uns eher nüchtern und zweckmäßig, als künstlerisch ambitioniert. So ist die Stätte von der Lage und der baulichen Leistung einfach einzigartig genial. Vom künstlerischen Wert sind aber die großen Maya- und erst recht die berühmten Azteken- und Toltekenstätten (wir haben berichtet) mit ihren Pyramiden, verzierten Tempeln, steinernen Figuren und Wandmalereien natürlich weit überlegen. Aber so ist das natürlich nicht vergleichbar, denn wir dürfen nicht vergessen, dass wir 1.500 Jahre später eine ganz andere Epoche mit völlig anderen Werten und letztlich auch Notwendigkeiten vor uns haben. Wir jedenfalls werden den magischen Augenblick nie vergessen, wenn man nach Betreten des Komplexes die Zickzacktreppen zur Hütte vom Verwalter des Grabfelsens hinaufklettert und von dort die ins Sonnenlicht getauchte Zitadelle vor dem 2.720 m hohen Wayne Picchu komplett überblicken kann. Ein weiterer wunderbarer Moment unserer Reise.