31.10. bis 08.11.18 – Weiter durch das Heilige Tal und zum Titicacasee

Nach unserem unvergesslichen Ausflug nach Machu Picchu besichtigen wir am nächsten Tag auch die hoch an den Felshängen angelegten Inkaruinen von Ollantaytambo. Wie es gelingen kann, in derart steile Felsterrassen noch Behausungen zu bauen, ist schon ein Wunder. Die Spanier jedenfalls brauchten mehrere Anläufe, um die zahlenmäßig und mit primitiveren Waffen ausgerüsteten Inkas an diesen Felswänden zu besiegen. Auch wir (Annett hat in Bewegung deutlich mehr zu pusten als Ralf, dafür schläft er in der Höhe deutlich schlechter als sie – eigentümlich) kommen beim Besteigen der steilen Hänge hinauf zu den Siedlungen ganz schön ins Schwitzen. Wenn man dann noch bedenkt, dass die spanischen Soldaten in voller Ausrüstung hier herauf mussten, umschwirrt von den Pfeilen und Speeren der Inkas, dann hätten wir mit den Eroberern nicht tauschen wollen. Im Tal am Fuße der Terrassen ist außerdem das gut erhaltene und weit verzweigte Bewässerungssystem bzw. Wasserableitungssystem der Inka-Siedlung zu besichtigen. Wie auch in Machu Picchu fällt auf: Die Inka bevorzugten eine schlichte und schnörkellose Bauweise aus groben Stein ohne jegliche Verzierungen, das statische Können beim Anlegen der Terrassen und Behausungen an den Felswänden war allerdings überragend.
Zwischen Ollantaytambo und Pisac können wir einen weiteren Beweis des hohen Könnens der damaligen Kultur bestaunen: die Salinen von Maras. Dabei handelt es sich um Hunderte von den Inkas angelegte kleine Terrassen zur Salzgewinnung. Das ganze Gebiet wird durch eine kleine heiße, salzhaltige Quelle gespeist und dient noch heute zur Gewinnung des wichtigen Minerals, welches nach der Verdunstung des Wassers auf den Terrassen zurückbleibt.

Alle guten Dinge sind drei: Bevor es für uns wieder nach Cusco geht, steht noch eine weitere Inka-Siedlung auf dem Programm: Die Ruinen von Pisac. Weit oben über dem hübschen Kolonialdörfchen auf 3.500 m Höhe thront diese Inka-Festung, die aus mehreren Ansiedlungen besteht. Ein wunderschöner, allerdings sehr steiler Wanderweg führt von der Kirche an der Plaza direkt zu den Festungen auf den umliegenden Bergen. Wir wandern ihn bergab zurück ins Dorf. Für den Weg zur Festung aus der Stadt gönnen wir uns ein Taxi, da es allein zum Erkunden der Stätten genug zu klettern gilt. Weitläufige, typisch terrassenförmig angelegte Felder breiten sich in weiten Bögen um die Berge und am Fuße der oben gelegenen Siedlungen bis ins Urubamba-Tal aus . Die Inkas vermieden eine Unterbrechung der Terrassenflächen durch Treppen, sondern bauten kleine Treppenstufen in die Terrassenmauern. Die körperlichen Anstrengungen, um das Erntegut von den Terrassen bergauf bis in die Siedlungen zu schaffen, können wir nur erahnen. Die Bausubstanz der Siedlungen ist zum Teil besser erhalten als in Machu Picchu und wir erkennen, wie genau die einzelnen Steinquader bearbeitet worden sind, um diese ohne Mörtel passgenau übereinanderzustapeln und zusätzlich an den Ecken abzurunden. Jeder Einzelne ist daher ein Unikat. Etliche Wasserkanäle zeugen wiederum vom ausgeklügelten Bewässerungssystem dieser Zeit. Auch hier wurde alles geradlinig, zweckmäßig und schnörkellos angelegt.
Bevor wir es vergessen: Im ersten Bericht hatten wir die Peruaner als recht zurückhaltend und reserviert beschrieben. Das war tatsächlich unser Beider Eindruck aus dem Norden. Hier im südlichen Teil Perus wirken die Menschen auf uns wieder deutlich aufgeschlossener und herzlicher. Ist das nur ein subjektiver Eindruck, weil wir uns jetzt auch mehr an das Land gewöhnt haben? Vielleicht. Zumindest empfinden wir wieder beide unabhängig voneinander sehr ähnlich. Auch die Sauberkeit der Städte, ebenso der kleineren Dörfer und  erst recht der Attraktionen scheinen für uns in der südlichen Region verbessert. Möglicherweise hat auch der verstärkte Tourismus in dieser Gegend dazu beigetragen.

Jetzt geht es nach den vielen Impressionen in den Inkahochburgen aber erst einmal zurück nach Cusco, dessen Altstadt einiges verspricht und das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Die Inka-Hauptstadt Cusco (auch Qosq’o auf Quechua genannt) war die wichtigste Stadt des Inka-Imperiums und die älteste ständig bewohnte Stadt des ganzen Kontinents. Sie ist nunmehr (leider?) sehr touristisch, denn sie gilt als Tor zum Heiligen Tal und nach Machu Picchu. Die Reste der alten Inka-Mauern verstecken sich jedoch hinter der nunmehr kolonialen Architektur, denn auch Cusco wurde 1533 von den Spaniern unterworfen. Wie so oft rissen diese im Verlauf viele alte Gebäude ab und ersetzten sie durch Kirchen, Kathedralen und koloniale Häuser. Die zentrale Altstadt ist dadurch nicht minder sehenswert, dennoch wünscht man sich natürlich, die Zeit einmal in die Inka-Hochzeit in den hundert Jahren vor dem Einmarsch der Spanier 1532 zurückzudrehen zu können, um die damalige Stadt zu erleben. Nach den Eindrücken der bisherigen Inka-Ruinen wäre das sicher Faszination pur. So regieren mittlerweile moderne Geschäftsstraßen mit einer Menge ganz passabler Outdoorshops (Ralf bekommt hier sogar Schuhe in der 45,5; was sehr selten ist, denn die Fußgröße der Peruaner ist wesentlich kleiner als im Durchschnitt in Europa und so endeten in ganz Peru die Größen bisher bei der 44. Socken gibt es auch nur bis Größe 42, da guckt der Zeh dann schnell durch.) und natürlich jede Menge Gaststätten nebst KFC und McDonald’s das Bild. Auf dem riesigen überdachten Stadtmarkt Mercado San Pedro gibt es fast alles: über Schweineköpfe für die Suppe, Frösche für bessere Ausdauer beim Sex (hehehe, ggf. eine Marktlücke in Deutschland??!) gebratene Meerschweinchen, jede Menge Gemüse und Obst (leckere Smoothies) bis hin zu den unzähligen Bekleidungs- und Souvenirständen. Wir haben am Vormittag mal wieder Glück mit dem sonst sehr unbeständigem Wetter hier auf 3.500 m Höhe. Nachmittags und in der Nacht regnet es zumeist und wird dann mit einstelligen Temperaturen auch empfindlich kühl.

Von der netten Weltenbummlergemeinde auf dem wahrscheinlich einzigen Stellplatz in Cusco müssen wir uns bald wieder verabschieden, denn es geht für uns weiter Richtung Titicacasee im Süden. Einige Overlander bleiben für mehrere Tage oder sogar Wochen in Cusco, meist diejenigen, die kein Reisezeitlimit haben. Dazu gehören wir (manchmal leider) nicht und so machen wir uns wieder auf die Reise. Unser nächstes Ziel soll eigentlich der Rainbow-Mountain, ein durch vielfarbiges Mineralgestein eindrucksvoll bunt gezeichneter Felsen auf über 5.000 m Höhe werden. Wir erfahren aber schon in Cusco und dann auch von Einheimischen in der Nähe der Auffahrt zum Berg, dass es dort geschneit hat und die Berge entsprechend bedeckt sind. Schade, aber nicht zu ändern. Ohnehin spüren wir nun verstärkt die Regenzeit und auch 1.000 m tiefer regnet und hagelt es jetzt öfter, insbesondere nachmittags und nachts.
Wir übernachten auf einer Grünfläche nahe der 3S Richtung Süden und Ralf nutzt am nächsten Tag die so gesparte Zeit am Vormittag zur fälligen Wartung von Herrn Fuchs: Dieselfilter (der sah nach 30.000 km innen nicht mehr so jungfräulich aus), Traboldfilter und Luftfilter tauschen, alle abschmierbaren Stellen am Unterboden werden wieder mit frischem Fett versorgt.
Gegen Mittag erreichen wir dann wieder über Pässe um die 4.000 m Höhe auf extrem schlaglochreichen Straßen die Inkabrücke Q’eswachaka.  Diese letzte erhaltene Hängebrücke der Inka ist vollkommen aus geflochtenen Gras nach alter Inka-Methode traditionell gebaut, sie besteht so schon 500 Jahre und führt immerhin 28 m in einer geschätzten Höhe von 20 m über den Fluss im Tal. Die Quechua, die als Nachfahren der Inka gelten und die größte indigene Gruppe Perus bilden, pflegen das Bauwerk weiter. Jedes Jahr in der ersten Juniwoche wird die dann wohl auch aufgrund des Materials weicher werdende Brücke zerschnitten, deren Bestandteile man einfach im Tal und Flussbett verrotten lässt. Jede Familie der nahen Kommune hat für die neue Brücke 60 m aus Gras geflochtenes Seil zu liefern. Diese Stricke werden anschließend innerhalb von 4 Tagen von den Quechua zu einer neuen Brücke geflochten. Ist das kunstvolle Bauwerk fertiggestellt und stabil zu begehen, wird entsprechend gefeiert. Wir finden übereinstimmend: Eine tolles Kunstwerk, so eine stabile Hängebrücke nur aus Gras zu fertigen und eine sehr schöne Weiterführung des baulichen Könnens der Inka durch ihre Erben. Sehr empfehlenswert anzusehen.

Noch einmal weichen wir von der sehr gut und schnell zu befahrenden 3S ab ins Hinterland zum Tinajani Cañon, was sich allerdings diesmal Ralfs Meinung nach nicht lohnt. Annett hat sie in bester Absicht auf Grundlage von (positiven??!) Berichten anderer Reisender eingeplant. Eine gruselige Wellblechpiste auf über 60 km (nur bei hohem Tempo lässt sich extremes Schütteln vermeiden, dann aber lauern zusätzlich Schlaglöcher und die machen die Sache auch noch gefährlich), die sich 124 nennt, führt über den Ort Palpa nach Lampa. Natürlich ist der Pass über 4.600 m Höhe wie so oft recht hübsch anzusehen, aber die Landschaft ist nun nach dem gefühlten 10. Pass auch nicht so was neues mehr. Das mag Ralf Herrn Fuchs und sich nicht gern antun ohne Aussicht auf ein wirkliches Highlight unterwegs oder als Ziel. Wenn es denn wenigstens wirklich Offroad wäre: nein, es ist nur furchtbar schlechte Straße. Auch die Stadt Lampa lohnt nicht wirklich, allerdings mit einer Ausnahme: Wer die wirklich toll anzusehende, gewaltige Iglesia de Santiago Apostol auf der Plaza ansehen will, dem sei empfohlen, dies lieber von der 3S aus als Abstecher zu tun.

Kurze persönliche Anmerkung von Ralf als Textschreiber an dieser Stelle: Einige Blogberichte anderer Weltenbummler, fast immer schön geschrieben und mit vielen tollen Fotos, sind mir hin und wieder persönlich zu sehr Friede, Freude und nur eitel Sonnenschein. Es wird fast alles Erlebte nur positiv dargestellt oder eben das negativ Erlebte einfach weggelassen. Das trifft natürlich nicht für alle zu, aber es fällt manchmal schon auf. Ich möchte meine Berichte so real darstellen, wie ich sie auch empfinde, daher schimpfe ich auch mal über das Eine oder Andere und warne vor miesen Straßen oder Touristenfallen. Natürlich ist das immer sehr subjektiv erlebt und mag sich für andere anders darstellen. Aber immer nur positiv zu berichten, ist mir zu seicht und wäre nicht ehrlich. Unterhält man sich nämlich mit anderen Overlandern, dann klingt vieles im Gespräch schon deutlich differenzierter, als es in den Berichten manchmal zum Ausdruck kommt.

Bevor wir endgültig den Titicacasee erreichen, schauen wir noch zu den Ruinen der Grabtürme von Sillustani. Das Volk der Colla, welches hier um den Titicacasee lebte, bestattete ihre bedeutenden Persönlichkeiten in chullpas (Grabtürmen). Diese wurden aus rundgehauenen Steinblöcken errichtet und erreichten Höhen bis zu 12 m. Jede von ihnen besitzt ein kleines Loch ebenerdig durch das gerade ein Mensch hindurchkriechen kann. Heute finden sich in den Gräbern leider keine Mumien oder Grabbeilagen mehr. Dennoch sind die Türme allein von den steinhauerischen Leistungen der damaligen Zeit her sehenswert, eingebettet in die Hügellandschaft der Halbinsel am See Umayo.

Unsere letzte Station in Peru ist auch eine der bekanntesten: Der 3.812 m über dem Meeresspiegel hohe Titicacasee ist mit 8.288 km² der größte Süßwassersee Südamerikas und nicht zuletzt das höchstgelegene schiffbare Gewässer der Erde. Zu den größten Attraktionen des Titicacasees gehören die schwimmenden Inseln der Urus, zu denen wir natürlich eine Bootstour unternehmen. Die Inseln bestehen aus kreuzweise aufgebrachten Lagen aus Totora-Schilf. Ursprünglich bauten die Urus die schwimmende Inseln, um sich vor allem vor den kriegerischen Inkas zu schützen oder zu verbergen. Immer wenn ein Angriff drohte, zogen sie sich mit ihren Inseln auf den See zurück. Das Totora-Schilf war und ist so immer noch eine wichtige Lebensgrundlage. Auch die Boote für den Fischfang, die hübschen bunten Touristenboote der Urus mit den Tierköpfen am Bug und die Matten für den Bau der einfachen Hütten bestehen daraus. Inzwischen leben nur noch mehrere hundert der insgesamt etwa 2.000 Urus auf den traditionellen Inseln. Sie haben natürlich mittlerweile den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt und so können wir an den Inseln anlegen und auf den etwas schwammigen und schwankenden Schilfböden umherlaufen. Interessant ist natürlich vor allem die Lebensweise auf dem See in den doch recht ärmlich ausgestatteten  Schilfhütten. Immerhin helfen heute Boote mit Außenmotoren beim Fischfang. Wir übernachten in Puno, der wohl bedeutendsten Stadt am See auf peruanischer Seite, die aber außer der hübschen Mole, an der wir schön schlendern können und von der auch die Boote zu den Inseln ablegen, nicht allzu viel Sehenswertes zu bieten hat.
Morgen geht es dann für uns an der Südseite des Sees entlang zum Grenzübergang nach Bolivien. Ein paar allgemeine abschließende Worte zu Peru fallen schwer, da unsere drei Berichte ja schon ausführlich gezeigt haben, wie groß und ungeheuer vielfältig das Land ist. Der Süden um Cusco hat sicher allein durch die Inkastätten etwas mehr zu bieten als der durch die einsameren Andengegenden geprägte Norden. Aber natürlich hat auch die Einsamkeit der hohen Berge so ihren Charme. Auffällig ist, dass sowohl Städte als auch die Landschaft außerhalb der Ortschaften im Süden sauberer wirken, wir finden überall deutlich weniger Müll, wenn das Problem auch hier besteht, insbesondere wieder um den See herum. Die Menschen, die wir im Norden als sehr reserviert empfanden, wirken in Richtung Süden deutlich herzlicher und aufgeschlossener. Nur im Verkehr kennt man hierzulande in keiner Gegend wirklich Rücksichtnahme, insbesondere in den Ortschaften geht es recht chaotisch zu. So ernten wir immer erstaunte Blicke und hinter uns Gehupe, wenn wir mal einen Fußgänger (selbst an Fußgängerüberwegen) vor uns über die Straße winken.
Nachdem wir in Peru recht viel Strecke fahren zu fahren hatten, erscheint zumindest der Westen Boliviens wieder überschaubarer. Wir sind mal gespannt, was uns morgen erwartet.