27.12.18 bis 21.01.19 – Chile/Argentinien 3, Im Süden Patagoniens

El Bolsón ist für uns ein Zwischenstopp auf dem Weg zum Parque Nacional Los Alerces. Wir wollen hier etwas mehr wandern, als wir es am Ende tun, da Ralf durch eine Erkältung etwas „schwere Beine“ hat. So belassen wir es beim Schlendern durch die Stadt. Im Zentrum bietet der einheimische Handwerksmarkt (Feria Artesanal) alle mögliche Holzarbeiten, Instrumente, Schmuck, Marionetten und vieles mehr. Warum sich ausgerechnet in diesem eigentlich unscheinbaren Örtchen so viele Hippies niedergelassen haben, bleibt die Frage. Möglicherweise auf der Flucht vor den Massen an Touristen in und um Bariloche. Die Wanderwege zu und durch die umgebenden Bergketten sollen aber auch durch einige der schönsten Landschaften Argentiniens führen. Annett steigt zumindest noch auf den kleinen Hügel Cerro Amigo mit recht gutem Ausblick über das Tal und die Stadt.
Der Parque Nacional Los Alerces ist bekannt durch die Alerce, die Patagonische Zeder, die weit über 3.000 Jahre alt werden können. Ein wenig irreführend für den Touristen ist die Angelegenheit aber schon: Die Zeder gibt es nur in einem kleinen Bereich im Norden des Parks zu sehen, der aber wiederum nur mit einer Bootstour und gleichzeitiger bezahlter Führung auf Spanisch zu erreichen ist (zumindest nach dem, was wir hier in der Information und aus den ziemlich schlecht gestalteten Karten des Parks erfahren). Zunächst bekommen wir an der Touristeninformation in der Nähe des Campingplatzes die allgemeine Aussage, dass aufgrund des Wetters viele Wanderwege gesperrt seien. Das sagt man uns aber nicht bereits am Eingang des Parks, als es um das Bezahlen geht. Na gut, es regnet ein wenig und die erste Nacht ist zeitweise etwas böiger Wind, aber deshalb alles zu sperren? Am nächsten Tag fahren wir 30 km in den Norden des Parks zu der Bootsanlegestelle, von der normalerweise die Touren zu besagtem Alerces-Gebiet starten. Wir haben nicht vor, eine Tour zu machen, allerdings fahren derzeit auch keine Boote. Warum nicht, bekommen wir nicht heraus. Das Wetter heute ist teils heiter, teils bewölkt, aber regenfrei und weitgehend windstill. Allerdings sind auch hier fast alle Wanderwege gesperrt bis auf einen, den wir dann auch laufen. Auch andere Touristen stehen ziemlich ratlos und schulterzuckend vor den gesperrten Wegen. Ein Ranger hält uns unterwegs an und teilt uns mit, das „aufgrund des Windes(!) und der damit verbundenen Gefahr des Baumbruches (dann schauen wir uns gemeinsam um und er lächelt verlegen – „Huch, es ist ja gar kein Wind.“) auch dieser Pfad eigentlich gesperrt wäre, aber wir könnten ihn noch zu Ende laufen. Als wir dann zurückkehren, sehen wir tatsächlich, dass auch an diesem letzten noch offenen Weg inzwischen ein „Cerrado“-Schild hängt. Es ist so windstill, dass man sich im klaren Seewasser spiegeln kann. Asterix würde sagen: „Die spinnen, die Argentinier“. Oder die Gründe liegen ganz woanders. Zumindest für uns ist das Ganze gelinde gesagt ziemlich unverständlich, denn auch im Laufe des Tages wird das Wetter keinesfalls schlechter. Das ist schade für einen sonst sehr natürlichen Park mit viel Grün, „eigentlich“ gut angelegten und ausgewiesenen Wanderwegen, Bergseen mit spiegelklarem Wasser und großzügigen, ruhigen Campingplätzen. Wir verbringen hier ein sehr ruhiges Silvester. Ohnehin scheint man hier den Jahreswechsel nicht so üppig zu feiern. In dem kleinen Städtchen Trevellin, durch das wir noch schlendern, ist am Neujahrstag jedenfalls von einer vergangenen Feier kaum etwas zu sehen, Knaller- oder Raketenreste auf den Straßen schon mal gar nicht.

Die Carretera Austral führt uns im neuen Jahr, jetzt wieder in Chile, weiter Richtung Süden. Sie zählt wohl zu den bekanntesten Fernstraßen der Welt und ist eng mit dem Namen des ehemaligen chilenischen Diktators Pinochet verbunden, den man auch hin und wieder auf Straßenschildern lesen kann. Auf sein Betreiben hin wurde die Straße zwischen Puerto Montt und Villa O‘Higgins gebaut. Heute ist sie zumindest in Teilen bereits asphaltiert, die unasphaltierten Abschnitte sind allerdings teilweise in schlechtem Zustand – Schlaglöcher, Spurrillen, Wellblech und keine Tankstellen. Die Tankstellenpreise der wenigen Zapfstellen sind daher deutlich höher als sonst in Chile, also am besten weiter nördlich oder noch in Argentinien volltanken.
Über Puyuhuapi erreichen wir den Parque Nacional Queulat mit seinem Highlight, dem Gletscher Ventisquero Colgante. Der Park, obgleich sehr bekannt, wird von Touristen nicht überlaufen, was sicher am ständigen Regen in der Region liegt. Auch wir haben fast immer leichten Nieselregen und starke Bewölkung. Dennoch laufen wir alle 4 Wanderwege an der Laguna de los Tempanos, die teilweise durch dichten und extrem bemoosten Regenwald führen. Wir kämpfen uns durch Matschsenken, über umgestürzte Bäume und durch mit dichter Vegetation zugewachsene Pfade bis zu dem Aussichtspunkt vor, der dem Hängegletscher am nächsten liegt. Mit etwas Geduld können wir ihn und die umliegende Vulkankette durch Wolkenlücken tatsächlich noch sehen, riesige Wasserfälle entspringen seiner Kante und tosen tief nach unten in die hellgrüne Lagune, abbrechende Eisstücke fallen krachend den Steilhang hinunter. Bei Sonnenschein sicher ein noch beeindruckenderes Bild, aber auch so können wir zufrieden sein.
Die Carretera Austral bleibt weiter unberechenbar, Schlagloch an Schlagloch in den unasphaltierten Bereichen sind auf der ganzen weiteren Strecke eher die Regel.
Die Stadt Coyhaique ist für uns nur ein Versorgungsstopp (Wäsche waschen lassen, Einkauf, Blog schreiben bei recht guter Internetverbindung, die hier unten selten geworden ist). Schön ist, dass wir auf dem Stellplatz wieder auf Sandra, Andreas und Luke treffen, denen wir schon in La Serena und am Vulkan Osorno begegnet sind. Danke für den immer wieder guten Cappuccino!

Das kleine Örtchen Puerto Rio Tranquilo am Westufer des Lago General Carrera ist normalerweise nur eine Durchgangsstation zum Tanken, es gibt noch nicht mal einen Geldautomaten. Allerdings starten hier die Touren zu der Capilla de Marmol (Marmorkapelle) und zum San Rafael-Gletscher. Als wir an einem Sonntag ankommen, wollen wir gleich die Bootstour zur Capilla de Marmol machen. Allerdings ist es ziemlich stürmisch und es kommen derzeit keine 8 Touristen für ein Boot zusammen. Bei weniger Mitfahrern ist der Preis entsprechend höher. Uns wird empfohlen, morgen früh 08.00 Uhr das erste Boot zu nehmen, da um diese Zeit der See am ruhigsten wäre und die Sonne für die Besichtigung der Marmorhöhlen gut stünde. Tja, der See ist wohl schon etwas ruhiger, allerdings regnet es bei 6°C und von Sonne keine Spur, so dass die Bootstour zu den Höhlen ein ziemlich nasses und kaltes Unterfangen wird. Die Gesteinsformationen sind dann ganz ansehnlich, säulenartig und durch den ufernahen See abgetragene Gesteinssäulen mit eingelagerten, teils grünlich schimmernden Mineralien, die dadurch ein marmorartiges Aussehen erhalten. Mit dem Boot kommen wir allerdings nicht sehr weit in die Höhlenstruktur hinein, das können die Kajakfahrer natürlich besser. Durch die fehlende Sonne reflektieren die hellen Steine im Kontrast zum klaren flachen Wasser natürlich auch nicht so schön, wie uns die allgegenwärtigen Werbefotografien suggerieren. Wenn man ohnehin auf der Carretera Austral Richtung Süden oder Norden unterwegs ist oder die Grenze in Chile Chico überqueren will oder schon hat, kann man den Abstecher hierher sicher machen, insbesondere, wenn Sonnenwetter angesagt ist.

Die 160 km von Puerto Rio Tranquilo bis zur Grenze bei Chile Chico führen im Süden am See entlang. Zwischen den Steinen und in den Schlaglöchern ist die Piste durch den Regen matschig. Danach ist Herr Fuchs mal wieder total verschlammt. Der Wind trocknet später das Ganze zur festen Kruste. Da ist nichts mehr mit Staub abfegen. Wir haben Mühe, die Lampen für die nächste Etappe wieder sauber zu bekommen. Denn nun führt uns das Pendant zur Carretera Austral auf argentinischer Seite, die ebenso wohlbekannte und gleichermaßen berüchtigte Ruta 40 weiter nach Süden. Da sie bis auf 70 km (die sich allerdings zum Teil mit tiefem Geröll unangenehm fahren lassen, teilweise schwammig wie im Tiefsand. Wohnmobile brauchen hier sicher recht lange.) voll asphaltiert und in gutem Zustand ist, kommen wir zügig voran und schaffen durch endlose karge Steppenlandschaft in 6 Stunden fast 600 km (Achtung – keine Tankstelle auf dem ganzen Weg!) bis zum Zwischenstopp im kleinen Örtchen Tres Lagos. Unterwegs gibt es viel Gegen- und Seitenwind, den die flache Steppe nicht aufzuhalten vermag. Gesellschaft auf dem Weg haben wir nur durch einige scheue Guanakoherden, die hier im südlichen Patagonien ihre Heimat haben. Tres Lagos ist ein recht einsames Dörfchen – natürlich auch ohne Tankstelle – mitten in der Steppe, aber wir finden doch tatsächlich eine Autowäsche und geben Herrn Fuchs seine Grundfarbe zurück.
Auf den weiteren 120 km nach El Chaltén sehen wir sie bereits in der Ferne sonnenangestrahlt und schneebedeckt leuchten: Die Felsmassive Fitz Roy (3.405 m) und Cerro Torre (3.102 m), das Bergsteiger-Eldorado Argentiniens und bekannt in der ganzen Welt. Für viele Weltklasse-Bergsteiger bedeutet die Besteigung der beiden schroffen und extrem steilen Felswände einen Meilenstein in ihrer Karriere. Erschwert wird das Ganze durch die extremen Witterungsbedingungen, Stürme und schnelle Wetterwechsel.
El Chaltén, das kleine Örtchen am Fuße der Felswände, ist nicht viel mehr als die Ausgangsbasis für die tollen Wanderwege, die hier beginnen oder natürlich für die ambitionierten Bergsteiger. Es liegt im Nordteil des Parque Nacional Los Glaciares. Am Ankunftstag haben wir Glück. Bei wolkenlosem Himmel ist es (mal) windstill. So haben wir von einem Mirador in Stadtnähe gleich einen tollen Panoramablick über die Bergkette, die Patagonien in diesem Teil berühmt gemacht hat. Berge ist eigentlich nicht das richtige Wort. Es sind riesige hohe Felstürme (Fitz Roy) oder Felsnadeln (Cerro Torre), die sich ähnlich der spitzen Türme einer gotischen Kirche nebeneinander aufreihen.
In der Nacht bekommen wir oben im Zeltdach die böigen patagonischen Stürme live zu spüren und hoffen nur, dass die Befestigung der Zeltplanen hält. Die nächste Nacht bleibt das Dach dann mal wieder unten.

Hohe Wolken und ein kalter Wind begleiten uns auf der insgesamt 20 km langen Wanderung zur Laguna Torre, dem Punkt, an dem man als Wanderer dem Cerro Torre am nächsten kommt. Am Morgen sehen wir ihn noch vollständig in der Ferne, gegen Mittag an der Lagune ist er allerdings in dichte Wolken eingehüllt und wir frieren an der Laguna Torre, auf der Eisstücke des vor dem Felsmassiv liegenden Glacier Grande („Großer Gletscher“) treiben. Man kann sich den Wechsel der Gefühle vorstellen, wenn man als Bergsteiger dort bei diesen Bedingungen an der Felswand hängt. Nach einem Ruhetag für die müden Beine geht es dann für insgesamt 25 km von unserem Stellplatz auf die sicher interessanteste Wanderung: zur Laguna de los Tres. Diese liegt direkt vor dem Felsturm des Fitz Roy und ist gleichzeitig der nächstgelegene Punkt, den Wanderer dem legendären Giganten kommen können. Bis zum Basislager der Bergsteiger ist die Strecke nur leicht ansteigend, kurz danach geht es aber auf dem letzten Kilometer die 800 Höhenmeter zum See extrem steil über einen Geröllpfad nach oben. Der Schweiß und die brennenden Oberschenkel lohnen sich, denn bei heute nur leicht bewölkten Wetter und guter Sicht erscheint der Fitz Roy zum Greifen nah und mit der Lagune im Vordergrund und den Gletschern zu seiner Seite bietet er tatsächlich das phänomenale Bild, das ihn wohl auch zu „dem“ Touristenmagneten in Südpatagonien macht. Wir empfinden diesen Ort hier oben auch als einen der Höhepunkte unserer Reise.

Das Gleiche gilt für den faszinierenden Gletscher Perito Moreno im Südteil des Parkes Los Glaciares. Wir erreichen ihn von unserem Stellplatz in der Stadt El Calafate aus, von der man 80 km Richtung Westen entlang des Lago Argentino, dem größten Süßwassersee des Landes, die Halbinsel Magallanes erreicht. Von deren südwestlicher Spitze gibt es mehrere, über Stahlstege gut zu erreichende Aussichtsplattformen und wir können die Gletscherzunge gewissermaßen „abwandern“. Es gibt wohl kaum einen anderen Gletscher auf der Welt, an dessen Abbruchkante man so nah herankommt. Dementsprechend gigantisch ist das Bild, was sich uns bietet. Vor der bis zu 70 Meter hohen Abbruchkante treiben die Eisstücke im vorgelagerten Gletschersee, immer wieder brechen kleinere oder auch größere Stücke unter lautem Getöse vom Gletscher ab. Im Gegensatz zu den meisten anderen Gletschern zieht sich der Perito Moreno nicht zurück, sondern die Fläche bleibt in etwa konstant. Täglich schiebt er sich unter Abbrechen des Kanteneises um 2 Meter vorwärts. Bei einer Fläche von 254 km² hat er eine Breite von 5 km und eine Eisdicke im Zentrum von sage und schreibe 700 Metern. Benannt wurde er nach dem argentinischen Geografen Perito Moreno, der sich besonders mit Patagonien beschäftigt hat. Ein wunderbares Naturerlebnis für uns.
Weniger schön ist, dass wir fast eine Woche auf dem Stellplatz in El Calafate zubringen müssen, weil uns beide zeitgleich eine ziemlich unangenehme und hartnäckige Bronchitis erwischt hat. Da wir in den letzten Jahren sonst kaum mal einen Infekt hatten, muss das diesmal ein besonders bösartiges Virus sein, da trotz aller „Hilfsmittelchen“ die Sache nur sehr langsam besser wird. Immerhin lernen wir dadurch Claudia und Daniel aus Leipzig kennen, die mit ihren Fahrrädern seit April 2017 bereits auf mehreren Kontinenten unterwegs sind. So können wir so manche „Warte“stunde durch nette Gespräche abkürzen. Respekt euch Beiden, was ihr auf den Strecken mit euren Drahteseln so leistet.

Immer noch etwas hustend, zieht es uns dann aber nach der Zwangspause weiter, wieder hinüber über die Grenze in den wohl bekanntesten Nationalpark Patagoniens auf chilenischer Seite, den Parque Nacional Torres del Paine. Der Name stammt von den mehr als 2.000 m hohen Granitsäulen, die im nördlichen Zentrum des Parks über der Steppe aufragen, sehr ähnlich den Felstürmen des Fitz Roy-Massivs gegenüber in Argentinien. Sie sind oft durch dichte Wolken verdeckt, aber wir sehen sie immerhin für einige Stunden. Diesmal nur etwas weiter entfernt, da wir mit den Nachwirkungen unserer Bronchitis noch nicht wieder einen vollen und schwierigen Wandertag zu den Torres am nächsten gelegenen Mirador einlegen wollen. Doch letztlich haben wir auch am nächsten Tag mit dem Wetter durchaus noch Glück: Durch den extrem böigen Wind werden die Wolken derart schnell bewegt, dass man tatsächlich alle vier Jahreszeiten an einem Tag erleben kann. Bei unseren zwei kleineren Wanderungen am wunderschönen Lago Pehoé zeigt sich die Sonne öfters, auch wenn wir teilweise von Sturmböen fast von den hohen Wegen geweht werden. Dadurch haben wir einen prima Blick über den azurblauen See und im Hintergrund über die wohl sehenswerteste Felskette des Parks: den Los Cuernos. Diese ergeben wieder das typische Bergbild, das man gemeinhin von Patagonien hat und erwartet. Auch der Blick über den im Süden des Parks gelegenen langgezogenen Lago Grey mit Bergen und fernen Gletscher im Hintergrund ist hübsch. Bis auf die besagten Felsmassive, die das Gesicht des Parks nach außen bestimmen, erinnert er ansonsten landschaftlich an eine Mischung aus isländischem Hochland und grüner schottischer Hügellandschaft. Dazwischen fährt man auf staubigen Wellblechpisten. Mit diesen Eindrücken verlassen wir so langsam Patagonien weiter nach Süden, um uns auf den südlichsten Punkt unserer Reise nach Feuerland zu begeben.