22.01. bis 01.02.19 – Chile/Argentinien 4, Feuerland: Ziel und Anfang

Der Weg nach Süden führt uns auf der Ruta del Fin del Mundo (Straße zum Ende der Welt) über das Hafenstädtchen Puerto Natales. Neben den Temperaturen – tagsüber 10-12°C, nachts um die 5-6°C und dem eisigen, böigen Wind – erinnert uns der Ort mit den flach gehaltenen Wellblechhäusern und der schlicht gehaltenen Hafenpromenade sehr an die Orte im Norden Islands. Über den sturmbewegten Fjord ergeben die schneebedeckten patagonischen Berge in der Ferne eine schöne Kulisse. Aber von Sommer ist hier nichts zu spüren, die spärlich scheinende Sonne hat kaum genug Kraft, um zu wärmen, wir nähern uns immer weiter den sehr südlichen Breitengraden, man spürt förmlich das „Fin del Mundo“ nahen.

Weiter geht es durch flache Steppenlandschaft unter extrem böigem Seitenwind durch die Region Magellanes in Richtung Punta Arenas. Das „Am Ende der Welt“ -Gefühl nimmt mehr und mehr zu. Die südlichste Kontinentalstadt der Welt liegt an der ebenso berühmten wie windgepeitschten Magellanstraße zwischen dem südamerikanischen Festland und Feuerland, die uns bei Starkwind mit hohem, schaumigem Wellengang begrüßt. Im Jahr 1520 entdeckte der Portugiese Fernao de Magalhaes (Ferdinand Magellan) in spanischen Diensten mit seiner Schiffsflotte die Meerenge zwischen Pazifischen und Atlantischen Ozean. Früher und seltener auch noch heute diente die Magellanstraße den Schiffen als sicherere Verbindung zwischen den beiden Weltmeeren, um das stürmische Kap Horn zu vermeiden. Als wir die schön angelegte, lange Promenade von Punta Arenas entlanglaufen, werden wir immer wieder von Extremböen fast umgeworfen. Unser heute geplanter Ausflug zur Insel Magdalena zu den Kolonien der Magellanpinguine fällt daher auch offiziell aus und wir hoffen auf weniger Wind in den nächsten zwei Tagen. Ansonsten werden wir von Lage und Ambiente der Stadt her sehr an Reykjavik erinnert. Viele flache Holz- und Wellblechhäuser bestimmen das Bild, unterbrochen von größeren und gut abgegrenzten Bauten der vermögenderen Chilenen. Einige prächtige Villen um die Plaza im Stadtzentrum sind wie so oft in Besitz von Bankhäusern. Eigentümlicherweise gibt es kaum Möglichkeiten, hier als Overlander über Nacht zu stehen, wenn man nicht gerade an der Promenade im Sturm und Verkehrslärm nächtigen möchte. Wir finden keine Campingplätze oder sonstige Stellplätze für Wohnmobile, die in anderen Städten oft angeboten werden. So campen wir außerhalb des Ortes und fahren jeden Vormittag eben wieder hinein. Schon etwas unverständlich für eine Stadt, die als Knotenpunkt für alle Reisenden von und nach Feuerland sehr gut frequentiert ist. In Hafennähe gibt es eine große Freihandelszone, in der zollfreie Waren jeder Art (über Reifen bis deutsche Schokolade) angeboten werden.
Wir statten dem Cementerio Municipal, dem in ganz Südamerika berühmten städtischen Friedhof, einen Besuch ab. Dieser bietet von einfachen Gräbern bis hin zu extravaganten Mausoleen alle Stilrichtungen. Manche tempelartigen Grabstätten sind aber schon etwas renitent und erinnern mit den langen Baumalleen dazwischen gerade im Eingangsbereich eher an den Lustgarten eines barocken Schlosses. Architektonisch sicher ganz interessant, wirkt es schon etwas makaber, wie sich die Busladungen voll Touristen hier vor den Gräbern ablichten lassen.
Leider wird es auch zwei Tage später nichts mit dem Ausflug zur Insel Magdalena. Die Tickets haben wir schon gekauft, als man wegen Sturmböen um die Insel die Fahrt wiederum absagt. Na ja, es gibt wohl auch später noch die Chance, Magellanpinguine zu sehen.

Die Fährüberfahrt über die Magellanstraße nach Tierra del Fuego (Feuerland) von Punta Arenas nach Porvenir dauert etwa zwei Stunden. Anfangs noch bei relativ ruhiger See macht die berüchtigte Meerenge später ihrem Ruf alle Ehre und wir kommen ganz schön ins Schwanken. Natürlich ist es ein besonderes Erlebnis, Feuerland anzufahren und als wir von der Fähre rollen, spüren wir regelrecht die Grenzlandatmosphäre. Die chilenisch-argentinische Grenze teilt Feuerlands Hauptinsel (Isla Grande), während die kleineren Inseln hauptsächlich zu Chile gehören.
Durch flache Steppenlandschaft geht es zunächst über 100 km recht gut und schnell zu fahrende Geröllpiste zur Bahía Inútil mit dem Parque Pingüino Rey, dem Park der Königspinguine. Hier leben und brüten die mit bis zu 1,20 m beeindruckend großen Vögel. Wir kommen zum Schutz der Tiere nur etwa bis auf 40 m heran und müssen mit dem Blick und auch dem Foto durch das Fernglas zufrieden sein. Dennoch ein beeindruckendes Erlebnis. Die Tiere werden bis zu 24 Jahre alt und bis 12 kg schwer. Sehr schön anzusehen ist ihre Zeichnung mit der weißer Brust und Bauch, dem schwarzen Frack mit Silbercolorationen und orangenen Schnabel und Ohrregion. Irgendwie schade, dass es sie nicht schon auf Galapagos zu sehen gab, da wären wir deutlich näher herangekommen.
Wir treffen wieder Sandra, Andreas und Hund Luke und stehen später zusammen am Strand von Rio Grande, jetzt wieder in Argentinien, welches wir durch eine superflache, karge Steppenlandschaft erreichen. Hier, wie auch später in Ushuaia, wird mit Denkmälern den Opfern des Falklandkrieges 1982 gedacht, in dem 1.000 Soldaten, Argentinier und Engländer, gefallen sind. Nach wie vor gehören die nahen Falklandinseln (Islas Malvinas) zu England, werden aber von Argentinien beansprucht, was überall auf Schildern auch deutlich gemacht wird.

Wie zu erwarten, weht auf ganz Feuerland ein extrem böiger Wind, so dass wir gar nicht daran denken können, das Dach zu öffnen. Auch so schwankt Herr Fuchs im Sturm, als ob wir immer noch auf der Magellanstraße wären.
Auf den 200 km Richtung Ushuaia ändert sich dann zunehmend das landschaftliche Bild der Insel. Es wird wieder grüner, wir kommen durch moosige Südbuchenwälder und Ausläufer der südlichen Anden beginnen, das Bild zu bestimmen. Und dann ist es soweit: nach 636 Tagen Fahrt und (bisher) 71.000 km durch zwei Kontinente, von unserem Startpunkt in Halifax quer durch Kanada, hoch oben vom nördlichen Polarkreis auf dem legendären Dempster-Highway südwärts durch verschiedenste Klimazonen und Länder, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, erreichen wir das Ziel der Panamericana: Ushuaia am südlichen Ende von Feuerland. Hier fallen die Anden, dieses gigantische Gebirge, welches uns durch ganz Südamerika begleitet hat, in das Polarmeer ab und lässt gerade noch Platz für die „letzte Stadt am Ende der Welt“. Als wir vor einigen Jahren die Idee für diese Tour hatten, war dieser Ort für uns ein Mysterium und natürlich als Ziel zunächst unendlich weit entfernt. Als wir nun zusammen mit Herrn Fuchs durch den Ortseingang fahren, ist es für uns Ziel und Anfang zugleich. Die Panamericana, die Traumstraße der Welt, ist bewältigt und hinterlässt tausende von Eindrücken, die uns immer begleiten werden und die uns keiner mehr nehmen kann. Zeit, um an dieser Stelle noch einmal zu betonen, wie groß unsere Dankbarkeit ist, all dieses erlebt zu haben und noch erleben zu können. Aber das Erreichen jedes Zieles bedeutet eben auch den Anfang eines neuen Weges. Die baldige Umkehr nach Norden ist für uns gleichzeitig der Beginn der Heimreise und nach dem großen beruflichen und privatem „Cut“ vor der Tour wartet natürlich auch zuhause ein neuer Lebensabschnitt auf uns. Aber halt! (genug der Sentimentalität): Noch haben wir einige tausend Kilometer vor uns, also Eins nach dem Anderen. Es gibt bis zur Rückverschiffung von Montevideo sicher noch so manches zu sehen und natürlich auch zu berichten. Los geht´s.
Ushuaia bezieht seine Sonderstellung aus der Lage und Tatsache, dass immer mehr Schiffe auf ihrem Weg in die Antarktis hier anlegen. Wir schlendern durch ein durchaus ansehnliches und recht langgezogenes Städtchen. Recht bunt zusammengewürfelte Häuser, über hübsche Holzbauten ähnlich skandinavischer Architektur bis hin zu hässlichen grauen Wohnblocks. So groß und zudem malerisch eingebettet zwischen die letzten (schneebedeckten) Berge der Anden hätten wir es gar nicht erwartet. Die Promenade führt am Hafen entlang und auf einer etwas vorgelagerten Halbinsel, auf der sich der Flughafen befindet, haben wir eine schöne Übersicht über Bucht und Stadt. Direkt am Airport übernachten wir auch. Nachts gehen hier keine Flüge, so dass es sehr ruhig ist. Der stürmische Wind zieht aber durch alles, was nicht fest verschlossen ist und zudem wird es recht kalt (5°C). Von Sommer ist wieder wenig zu spüren, auch wenn der Sturm die dichten Wolken hin und wieder auseinandertreibt. Natürlich treffen sich in Ushuaia Weltenbummler aller Art, vom Backpacker bis zum Overlander mit Auto und Fahrrad, zudem die Pauschaltouristen, die mit Bus oder Flugzeug anreisen. Sie nutzen die Stadt auch als Ausgangspunkt zu (sehr teuren) Schiffsreisen in die Antarktis, zu Touren über die anderen Inseln Feuerlands bis hin nach Kap Horn oder zum chilenischen Puerto Williams (was noch etwas südlicher liegt als Ushuaia und damit eigentlich die südlichste Stadt der Welt, aber mit dem Auto nicht anfahrbar ist).

Ein paar Kilometer westlich der Stadt gelangen wir zum Nationalpark Tierra del Fuego, der im Westen an Chile grenzt. Hier wandern wir bei sehr durchwachsenen und kühlen Wetter den Wanderweg Senda Hito am Lago Acigami, der uns durch Buchenwälder direkt am See entlang bis zum Grenzpfosten zu Chile führt. Dessen Überschreiten ist allerdings strengstens untersagt und wird wohl auch von Patrouillen überwacht. Dennoch ist es interessant, gewissermaßen „Offroad“ hier in Feuerland an der Grenze zu stehen, die auch mitten durch den See führt. Die letzten Andenberge im Hintergrund der Seenlandschaft bieten ein zwar bekanntes, aber immer wieder recht malerisches Bild, zumal eben hier auf Feuerland eine besondere Atmosphäre herrscht.

Aber es wird noch spannender, denn die Stadt Ushuaia ist zwar das „Ziel“ der Panamericana, nicht aber der südlichste anfahrbare Punkt des Kontinents und damit auch der Welt! Den wollen wir aber nun auch noch sehen, wenn wir schon so weit unten sind. Dazu geht es auf 100 km Geröllpiste östlich von Ushuaia weiter den Beagle-Kanal entlang auf der RP33 (auch Ruta J) Richtung südöstlicher Spitze von Feuerland. Entlang rauer Fjordlandschaften, begleitet von Schauern und Windböen, die die Bäume am Wegesrand in ihre charakteristische „Windschiefe“ biegen, erreichen wir schließlich das Ende der Straße. Hier ist noch ein recht verloren wirkendes Gebäude der argentinischen Marine, dann gibt es nur noch die Sicht auf den in das Polarmeer mündenden Beagle-Kanal. 1.000 km weiter im Süden können wir über dem Polarmeer die Nähe der Antarktis förmlich spüren. Ein bisschen Wehmut kommt nun doch auf, denn dieser Punkt ist definitiv der südlichste Endpunkt unserer Reise.

Es geht wieder Richtung Norden. Feuerland zieht noch einmal mit seiner Schönheit, aber auch mit seinen rauen Wetterkapriolen an uns vorbei. Zwischen kräftigen Schauern schaut mal kurz die Sonne durch die rasend schnell ziehenden Wolken und dann kann es für einen Moment wärmer werden. Ansonsten ist es auch tagsüber bei 10-12°C recht ungemütlich, aber im Auto auf dem Rückweg, zunächst nach Rio Grande, stört uns das nicht besonders. Als Endpunkt einer solchen Reise ist Feuerland ideal, ein irgendwie magischer Ort mit einem ganz besonderen Flair. Urlaub würden wir hier wahrscheinlich eher nicht machen, dazu ist es selbst im Sommer einfach zu ungemütlich. Am nächsten Tag verlassen wir, kurzzeitig nochmal in Chile, dann Feuerland wieder über die Magellanstrasse, diesmal über die schmalere Meerenge Richtung Punta Delgada im Norden. Gott sei Dank dauert die Überfahrt bei extrem stürmischen Wetter nur eine halbe Stunde. Die Fähre schwankt dermaßen, dass man Angst haben muss, dass die Autos auf Deck zusammenrutschen. Das Deck wird dazu auch immer wieder von Wellen überspült. Erstaunlich, dass der Fährbetrieb bei diesen Bedingungen nicht eingestellt wird, aber hier sind sie wohl so einiges gewöhnt. Es gelingt kaum, die Fähre zum Ein- und Ausladen der Autos ruhig am Kai zu halten.
So endet unser Ausflug nach Feuerland so, wie wir es wohl immer in Erinnerung behalten werden: Stürmisch und ungemütlich, aber mit einem ganz besonderen Reiz.
Kurz darauf verlassen wir nun zum letzten Mal Chile und werden jetzt entlang der argentinischen Ostküste weiter nach Norden fahren. Dort warten schon die nächsten Pinguinkolonien auf uns….