02.02. bis 17.02.19 – Entlang der Ostküste Argentiniens

Unsere erste Station entlang der Ostküste Argentiniens führt uns zu einem kurzem Versorgungsstopp nach Rio Gallegos. Hier müssen wir zunächst einkaufen, da zumindest kein Gemüse und Obst wegen der sinnfreien Regelung zwischen Argentinien und Chile ein- und ausgeführt werden darf. Wenigstens dieses ist jetzt nach dem nunmehr letztem Grenzübertritt nach Argentinien erst einmal vorbei. Außerdem haben wir uns wahrscheinlich auf dem „Weg zum Ende der Welt“ doch zum ersten Mal auf der Tour einen Steinschlagschaden in der Frontscheibe zugezogen, den wir beim Scheibendoktor schnell und unkompliziert reparieren lassen können.
Die Ruta 3 parallel zur Ostküste führt durch flache und afrikaähnliche Steppenlandschaft. Hunderte von Guanakos bevölkern die Straßenränder und wir sehen einige von ihnen tot neben Autowrackteilen liegen. Also nicht ungefährlich, hier mit den erlaubten 110 km/h durchzufahren. Nicht alle Guanakos scheinen so klug, nicht vor den Autos über die Straße zu traben. Allerdings kann man nicht vor jedem Tier auf 20 km/h abbremsen, also bleibt ein unvermeidliches Risiko. Außerdem stolzieren wieder die straußenähnlichen, mit ihrer grauen Farbe gut getarnten Nandus, die man häufig zusammen mit den Guanakos findet, entlang der Straße.
Wie in ganz Argentinien, so sehen wir auch hier unzählige große und kleine Schreine sowie Altäre in kleineren Gebäuden links und rechts der Straße. Zum einen gedenkt man damit der Verkehrstoten und zum anderen gibt es einige Volksheilige die damit verehrt und um Hilfe gebeten werden.

Im Parque Nacional Monte León sehen wir nun endlich unsere Magellanpinguine. Ein schöner Naturpfad führt durch die Steppe auf einem etwa 6 km langem Rundweg. Auf diesem werden wir vor Pumas gewarnt und mit entsprechenden Maßnahmen vorbereitet, falls wir einen treffen sollten – übrigens auch ein natürlicher Feind der Pinguine. Nah des Atlantiks geht es direkt durch das Brutgebiet der Pinguine, die ähnlich der Tiere auf Galapagos, den Menschen wohl (noch) nicht als natürlichen Feind betrachten. So brüten manche Paare direkt in kleinen Erdlöchern am Wegesrand unter lichten Büschen. Von einem Aussichtspunkt auf der Steilküste können wir überdies die mit den ulkig watschelnden Vögeln bevölkerte Küste überblicken. So unbeholfen sie an Land auch wirken, im Wasser sind sie einfach klasse. Bis zu 50 km täglich schwimmen sie in der Fortpflanzungszeit und tauchen bis zu 80 m tief, um genügend Fisch für den Nachwuchs zu fangen. Eine unglaubliche Leistung für die kleinen Tiere. Die Magellanpinguine werden bis zu 44 cm groß, ca. 4 kg schwer und bis etwa 15 Jahre alt. Etwa 75.000 Paare umfasst die Kolonie im Parque Nacional Monte León.
Als Zwischenstation Richtung Puerto Deseado statten wir dem Küstenstädtchen Puerto San Julián einen Besuch ab. Dieser unscheinbare Ort (mit allerdings einer Menge Hotels) in der weiten Steppe gilt immerhin als Wiege der patagonischen Geschichte, denn hier ankerte Magellan 1520 zum ersten Mal. Aber auch der legendäre Pirat Sir Francis Drake und der Biologe Charles Darwin verbrachten Zeit auf dieser Landzunge. Es lohnt sich, auf der schön angelegten Hafenpromenade zu schlendern, vor allem wegen des dortigen, sehr echt wirkenden Nachbaus der Nao Victoria, einem der Schiffe Magellans. Es ist schon bewundernswert, mit welchen zwar schönen, aber doch technisch einfachen und im Vergleich mit heute relativ kleinen Schiffen die stürmischen Gewässer allein um Kap Horn oder die Magellanstraße entlang damals bewältigt werden mussten. Das waren wirklich wahre Seemänner, die ihr Handwerk verstanden.

Vorbei an weiteren unzähligen Guanakoherden und schier unendlicher Steppe zweigt die ebenfalls gut asphaltierte R281 von der R3 nach Südosten ab und führt uns 120 km weiter nach Puerto Deseado. Auch hier finden wir wieder einen geschichtsträchtigen Ort, denn in der Mündung des Rio Deseado ließ Ferdinand Magellan (natürlich!) 1520 seine vom Sturm beschädigte Flotte reparieren.
Den Namen hat die Stadt aber 1586 vom englischen Piraten Cavendish, der den Ort nach seinem Schiff „Desire“ (Sehnsucht) taufte, den er, übersetzt ins Spanische (Deseado) auch heute noch trägt. Und selbstverständlich waren auch Charles Darwin (1834) zu Forschungen in der Bucht und der uns bereits gut bekannte Patagonienforscher Perito Moreno (1876). Das Städtchen bietet bis auf eine lange Promenade nicht allzu viel, aber deshalb sind wir nicht hier. Unser Ziel ist die Isla Pingüinos, zu der wir gemeinsam mit Sandra und Andreas mit einem Boot der Darwin Expeditiones um 8.00 Uhr morgens aufbrechen. Einer Stunde Bootsfahrt auf bewegtem Meer folgen drei wirklich wunderbare Stunden auf der Isla Pingüinos. Es gibt hier gewissermaßen ein Déjà-vu, wenn man wie wir schon die einmaligen Galapagos-Inseln erlebt hat. Auch heute und hier zeigen zumindest die Pinguine keinerlei Angst vor uns und lassen uns im Grunde bis auf ein paar Zentimeter herankommen und fotografieren. Zunächst laufen wir durch eine Kolonie der schon bekannten Magellanpinguine, die zutraulich sind oder besser: keine Sorgen haben, dass ihnen von uns irgendeine Gefahr droht. Nur ein Wiegen des Kopfes deutet darauf hin, dass sie uns zur Kenntnis nehmen, wenn wir mit den Fotoapparaten zu nah herankommen. Die eigentliche Attraktion der Insel sind aber die selteneren Felsenpinguine („Rockhopperpinguine“). Ihr Hauptausbreitungsgebiet sind die nahen Falklandinseln, wobei ihr Bestand in den letzten 30 Jahren deutlich rückläufig ist. Einige haben sich eben auch die Küste Argentiniens für die Aufzucht ihrer Jungen ausgesucht. Ausgewachsene Tiere kennen an Land kaum natürliche Feinde, ihre Eier und die Küken werden aber gerne von Raubmöwen gefressen. Die exzellenten Schwimmer sind dafür natürlich im Meer von Raubfischen, Robben und Seelöwen bedroht. Felsenpinguine erreichen eine Körpergröße zwischen 45 und 58 cm und ein Gewicht von 2,3–4,5 kg. Grundsätzlich zählen sie zu den kleinsten Pinguinen überhaupt. Erwachsene Vögel haben einen schmalen gelben Überaugenstreifen, dessen Federn hinter dem Auge stark verlängert sind und abstehen. Weiter zum Hinterkopf hin sind diese Federn in Längsrichtung gelb-schwarz-gestreift und bilden dort einen locker anliegenden Schopf. Die Augen sind auffällig rot, der kurze, kräftige und wulstig aufgeworfene Schnabel ist rötlich-braun, Füße und Beine sind rosa, die Sohlen sind schwarz. Kopf und Gesicht sind ansonsten schwarz. Die Körperoberseite ist dunkel schiefergrau, die Unterseite weiß und scharf von der schwarzen Kehle abgesetzt. Das sie perfekte Schwimmer sind, überrascht nicht, sie machen aber ihrem Namen alle Ehre, denn sie hüpfen tatsächlich recht flink über die Felsen und wirken beweglicher als die durchschnittlich größeren Magellanpinguine. Laufen diese durch die Rockhopperkolonie, müssen sie mit Schnabelhieben rechnen, denn die kleineren Artgenossen sind recht wehrhaft und dulden keine anderen Arten in der Nähe ihrer Nester (bis auf uns – was für ein Privileg!)
Die spürbar selbstbewusst wirkenden Tiere sind uns gegenüber tatsächlich völlig entspannt, scheinen uns fast zu ignorieren, so nah kann man mit dem Fotoapparat an sie heran. Anfassen ist natürlich wie auch auf den Galapagos-Inseln verboten, damit dieses schöne und seltene Miteinander der so unterschiedlichen Arten auch in Zukunft so bleiben kann.
Viel scheuer sind die hiesigen Seelöwen, die wohl noch die Jagd auf ihre Vorfahren im Gedächtnis gespeichert haben, und daher vor uns, nähern wir uns zu sehr an, ins Wasser fliehen. Sehr schön anzusehen sind die Männchen, die viel größer sind als die schlanken Weibchen und tatsächlich eine Art „Löwenmähne“ besitzen. Zwischen ihnen liegen riesige Seeelefanten und sonnen sich träge im Geröll am Strand. Allerdings besteht bei ihnen wohl eher Angriffsgefahr, wenn man ihnen zu nahe kommt.

Fast 400 km weiter nördlich machen wir Station in dem kleinen walisischen Ort Gaiman.
Im Jahr 1874 wurde hier das erste Haus von Aussiedlern aus Wales errichtet. Viele der unscheinbaren, aber typischen walisischen Backsteinhäuser, häufig mit schmiedeeisernen Zäunen sowie kleine Kirchen und Kapellen zeugen von den Bewohnern des 19. Jahrhunderts, deren Nachfahren hier heute noch zuhause sind. Der Leiter des hiesigen Museums, welches sich im altes Bahnhofsgebäude befindet, ist mütterlicherseits einer von ihnen, hat aber einen italienischen Vater. Mit der Zeit siedelten ebenso Deutsche als auch Engländer hier an. Sehr verbreitet ist noch die walisische Teestubentradition, es gibt davon einige in der Stadt. Allerdings ist es wohl nach Auskunft des Museumsleiters eher so, dass der Tee eine notwendige Beigabe zu dem vielen leckeren Gebäck ist, das mit serviert wird, um dieses besser runterspülen zu können. Auch Lady Diana, Princess of Wales, besuchte 1995 den Ort und trank einen Tee (hehe, wäre ja auch ein Ding gewesen, wenn sie sie hier eine Tasse Kaffee bestellt hätte).

Auf den Weg zur Halbinsel Valdes ist Puerto Madryn nur eine Zwischenstation, hat aber eine ganz nette Strandpromenade und eine lange Mole. Von dort aus beobachten wir, wie die Fischschwärme in der Bucht Seelöwen und Magellanpinguine anlocken, die es sich in Strandnähe schmecken lassen.
Die Halbinsel Valdes wird jährlich von immerhin 80.000 Touristen besucht, allerdings sehr häufig Pauschalurlauber, die ihre Mietautos (vorher prüfen, welche Schäden die Versicherungspolice abdeckt!) über die teilweise schlimmen Wellblechpisten und tückische Tiefsandstellen dazwischen quälen. Warum auf der Insel die Schotterstraßen für die zumindest für Ausländer (650 Pesos statt 330 für die Einheimischen) saftigen Eintrittspreise nicht wenigstens mal hin und wieder glattgezogen werden, ist unverständlich. Hier wird ebenso abgezockt wie für den einzigen, sehr mittelmäßigen Campingplatz in Puerto Pirámides, der (natürlich) aufgrund der Beschränkungen im Park für Camping und Übernachtung fast alternativlos ist. Auch die grüne Farbe der Halbinsel in Reiseführern und Karten, die auf üppigeres Grün hinweist, ist eine Irreführung. Die Landschaft unterscheidet sich kaum von der Steppe, die den ganzen Osten Patagoniens beherrscht. Also eine Touristenfalle? Na ja, vielleicht nicht ganz und sicher abhängig von dem, was man zuvor schon erlebt und gesehen hat. Für diejenigen, die noch keine Magellanpinguine gesehen haben, wenn sie zum Beispiel von Buenos Aires kommen, bietet eine Pinguinkolonie in der Nähe der Caleta Valdes an der Ostküste der Halbinsel eine schöne Begegnung mit den fast handzahmen Tieren, auf die wir wieder bis auf wenige Zentimeter herankommen. Die Seeelefanten an der Küste sind allerdings von den streng abgegrenzten Laufwegen zu weit entfernt und nur für Fotografen mit entsprechend vergrößernden Objektiven oder durch das Fernglas gut zu beobachten. Sehr schade, denn die bis 5 Meter langen und bis zu 4.000 kg schweren Tiere sind schon eine Hausnummer. Die Punta Norte am Nordende von Valdes bietet einen etwas besseren Blick auf mehrere Seelöwenkolonien, die man zumindest bei Flut gut beobachten kann. Für uns, die wir von Süden von Feuerland kommen, ist das Alles aber nichts Neues und das Beobachten von Orca-Walen, die hin und wieder zum Verspeisen von Seelöwen in Strandnähe kommen, ist ohnehin Glückssache (sicher besser in der Walsaison von Juni bis Dezember). Bleibt also die recht ausgiebige Fahrt über 200 km Wellblech dazwischen, vorbei an karger und flacher Steppenlandschaft mit den allgegenwärtigen Buschwerk, Schafen und Guanakos und am Ende (oder am Anfang) der alte Salzexporthafen Puerto Pirámides. Das kleine Örtchen ist recht malerisch an einer Bucht gelegen. Ein Wanderweg zur Punta Pirámides über insgesamt 8 km führt uns über sandige Dünenlandschaft zur Spitze der Bucht, wo die Seelöwenkolonien sich tief unten auf den Felsvorsprüngen tummeln, die die Ebbe freigelegt hat.

Danach, 300 km weiter nördlich, im Badeort Las Grutas, bekommen wir den Sommer doch noch so richtig zu spüren. Tagsüber deutlich über 30°C und seit langem weht mal wieder nur ein laues Lüftchen. Die Stadt mit der langgezogenen Strandpromenade erinnert uns ein wenig an die kanarischen Urlaubsorte im Süden von Teneriffa oder Gran Canaria. Es gibt allerdings einen recht langes Watt bei Ebbe, was die Argentinier nutzen, indem sie in den so freiliegenden Steinboden zusätzliche Löcher angelegt haben, die nach Rückzug des Wassers als Swimmingpool dienen. Ansonsten tummelt sich die ganze bunte Masse am nicht sehr langen, aber bei Ebbe recht breiten sandigen Strandabschnitt vor dem Stadtzentrum. Bei Flut quetschen sich dann alle wie die Heringe an den schmalen Streifen Strand vor dem steilen Ufer.
Weiter geht es nach Norden und am Rio Negro bummeln wir durch das Städtchen Viedma, was entlang des Flusses eine schöne Promenade hat, mit vielen Einfamilienhäusern von Wohlstand zeugt, ansonsten aber nicht besonders attraktiv wirkt. Das ändert sich aber, als wir mit einer kleinen Fähre über den Fluss nach Carmen de Patagones übersetzen. Hier haben wir endlich mal wieder in Ansätzen eine sehenswerte koloniale Architektur und laufen durch historische Kopfsteinpflastergassen. Außerdem gibt es an der Plaza richtig gutes selbstgemachtes Eis.

Unser eigentliches Ziel in diesem Abschnitt ist aber der Küstenort El Condor an der Mündung des Rio Negro. Hier finden wir sehr breite und flache Sandstrände, die natürlich wieder Badegäste in Scharen anlocken (die oft benutzten String-Tangas der Argentinier sind bei der auffälligen Körperfülle der wirklich meisten Leute allerdings eine Zumutung).
Die Attraktion ist aber, dass sich an der Steilküste die mit 35.000 Brutpaaren größte Papageienkolonie der Welt angesiedelt hat. Unter den Klippen mit den Bruthöhlen können wir am Strand entlanglaufen und die gelbgrünen, ständig kreischenden Gesellen von unten beobachten. Frühmorgens auf dem Campingplatz am Meer fliegen Hunderte der bunten Vögel mit entsprechendem Lärm über uns hinweg und kehren erst am Nachmittag zu ihrer Steilküste zurück.
Hoch oben auf den Klippen steht der mit vielen hundert Jahren älteste Leuchtturm Patagoniens, der sich für sein Alter in einem sehr gutem Zustand befindet.
Trotz der recht langen Fahrstrecken dazwischen bietet die Strecke entlang der Ostküste doch einiges, wenn man Meer- und Strandliebhaber ist, ohnehin. Sehenswert sind natürlich vor allem die Tiere, von denen die Pinguine in diesen Breiten natürlich die Stars sind. Insbesondere der Trip von Puerto Deseado zu der Pinguininsel sei jedem empfohlen, ein Paradies für Fotografen und eine unvergessliche und friedliche Begegnung der Arten.