18.02. bis 14.03.19 – Am Rio de la Plata

Nördlich von Bahia Blanca, wo wir kurz Zwischenstation machen, geht die unendliche, steppenartige Pampa Ostargentiniens so langsam wieder in grünere Landschaft über. Wir kommen vorbei an großflächigen Mais- und Sonnenblumenfeldern und auf einigen Wiesen sehen wir nun endlich auch einmal die „berühmten“ argentinischen Kühe grasen. Diese versprechen die saftigen Steaks ausschließlich grasernährter Rinder. Allerdings sind diese Zeiten auch in Argentinien leider weitgehend vorbei. Mittlerweile werden die Rinder mehrheitlich in Ställen gehalten und die überwiegende Mehrzahl von ihnen erhält die übliche Getreidepampe. Jammerschade, denn bis zur Jahrhundertwende ernährten sich über 90 % des Viehs von natürlichem Gras. Dürren, wirtschaftliche Erwägungen der Bauern und vor allem die unsägliche Entscheidung der Regierung, die Aufzucht in Mastbetrieben zu fördern, änderte die Haltung der Tiere grundlegend. Die Preise des nun minderwertigen Rindfleisches wurden dadurch niedriger und die Steuern konnten im Gegenzug erhöht werden (Klar!). Dadurch wurde auch der Export von Bio-Fleisch durch die Rinderzüchter unattraktiv, die ihr Weideland zwangsweise so in Mais- und Sojafelder umwandeln mussten und zur Massenproduktion übergingen. Folgen sind ein Absinken des Muskelgehaltes, steigender Fettgehalt und das Entstehen einer unnatürlichen Fettsäurezusammensetzung des Fleisches. Sicher auch (neben der allgegenwärtigen Mehl- und Zuckermast) ein Beitrag zur prozentual erschreckenden Übergewichtigkeit der Argentinier, auch schon bei Kindern, die fast schon mit mexikanischen Verhältnissen vergleichbar ist. Natürlich bekommen die Tiere in der Masthaltung entsprechende Antibiotika, die wir fleißig mitessen. Außerdem erscheint das Fleisch, sowohl Rind als auch Schwein und Huhn, künstlich mit Wasser angereichert (wie auch in Europa üblich). In der Pfanne bleibt dann ein Bruchteil des Volumens, schwimmend in kochender Brühe. Eine Schande.
Neocochea wirkt auf der Landkarte relativ klein, ist aber ein sehr lebendiger Urlaubsort mit einem breiten, flachen und sehr langgezogenen feinsandigen Strand. Die Campingplätze sind dermaßen voll, dass wir an die Plätze auf Usedom im Juli/August erinnert werden. Die Urlaubermassen verteilen sich aber am riesigen Strand, so das ein Spaziergang durchaus Spaß machen kann.

Mar del Plata („Mardel“) ist das klassische Strandurlaubsziel der Argentinier und mit über 600.000 Einwohnern eine wahre Strandmetropole. Mit einem Flughafen ausgestattet, kann es eben auch von allen Landesteilen gut erreicht werden. Die lange Skyline der Hotelbauten wirkt fast wie die Küste einer großen nordamerikanischen Stadt. Dabei hat sich Mardel gerade an der Uferpromenade eines gewissen architektonischen Flairs bewahrt, das uns zumindest dort an Monaco erinnert. Anders als im Fürstentum bekommen wir hier, zumindest am frühen Vormittag, noch problemlos einen Parkplatz am zentralen Strand. Natürlich fehlen die engen kopfsteingepflasterten Gassen, dafür herrscht in den langgezogenen Einkaufsvierteln, unterbrochen von mehreren Plazas, ein geschäftiges Treiben. Der nicht sehr breite Strand gegenüber dem Zentrum ist natürlich überfüllt, ein wenig außerhalb der zentralen Promenade findet man aber am Meer auch in der Saison und am Wochenende durchaus mehr Platz. Es gibt einige sehr gute und preiswerte Buffetrestaurants und so viele große Eisdielen, wie wir es bisher kaum an einem Ort gesehen haben. Auch außerhalb des Strandlebens kann man sich hier also durchaus ein bis zwei Tage beschäftigen. Das klassische Wahrzeichen der Stadt findet sich natürlich an der Promenade: der Torreon del Monje, ein nach mittelalterlichem Vorbild gebauter Turm, wurde im Jahr 1904 von einem argentinischen Geschäftsmann errichtet, der seine Sommerresidenz Mar del Plata einfach etwas verschönern wollte. Ein lohnendes Ziel, sofern man die Strandresidenzen nicht schon über hat….

Bevor wir die Landeshauptstadt erreichen, bleibt noch ein Zwischenziel: La Plata, Hauptstadt der Provinz Buenos Aires und Universitätsstadt. Und – das sei vorweg genommen- zumindest architektonisch die sehenswerteste Stadt, die wir bisher in Argentinien besichtigt haben. Als Buenos Aires im Jahr 1880 Argentiniens Hauptstadt wurde, gründete der Gouverneur Dardo Rocha die Stadt La Plata, damit die Provinz Buenos Aires seine eigene Hauptstadt bekäme. So wurde La Plata zur ersten komplett geplante Stadt Südamerikas und auch die erste, die elektrische Straßenbeleuchtung erhielt. Man entschied sich für den Stadtplan des Architekten und Ingenieurs Pedro Benoit. Es entstanden markante, sternförmige Straßengitter, die eine Vielzahl von kleineren und größeren Plazas miteinander verbinden. Bis zu acht Straßen gehen von einigen Kreuzungen ab, was verkehrstechnisch natürlich Verwirrung stiftet, wie wir mit Herrn Fuchs selber erleben dürfen. Die Vorfahrtsregelungen in Argentinien sind ohnehin schon verwirrend und auch für die Einheimischen wohl längst nicht immer klar, bei acht abgehenden Straßen aber ein Ding der Unmöglichkeit und manchmal nicht ungefährlich. Also doppelt vorsichtig fahren. Wir parken im Park Paseo del Bosque und spazieren die Allee über den Park San Martin hin zur Catedral de la Plata. Die beeindruckende gotische Kathedrale wurde erst im Jahr 1999 komplett fertiggestellt und orientiert sich stark am Baustil des Kölner Doms. So gehört sie zu den größten Kathedralen der Welt. Mit einem Aufzug fahren wir bis auf 63 m in eine der Türme nach oben, haben so einen Überblick auf die Stadt und können die kunstvollen Verzierungen der Kirchtürme in Augenhöhe bestaunen. Aber auch andere Gebäude sind einen Blick wert: das (wenn auch gut abgeriegelte und bewachte) Haus des Gouverneurs, das Rathaus (entworfen vom deutschen Architekten Hubert Stiers), welches vom äußerlichen Ambiente her dem weißen Haus in Washington kaum nachsteht und das nicht weniger prachtvolle Parlamentsgebäude. Natürlich besteht die Stadt auch aus trist wirkenden Wohnblocks und Hochhäusern, ist aber, wie wir es von anderen argentinischen Städten her kennen, sehr „grün“ konzipiert. Neben dem Park Paseo del Bosque mit Eukalyptus- und Gingkobäumen sowie Palmen sind neben den meist grasbewachsenen Plazas fast in allen Straßen Baumalleen angelegt. Die Stadt wird nicht gerade von Touristen überschwemmt, was durch die unmittelbare Nähe zur Landeshauptstadt nicht wundert. Dennoch empfehlen wir einen Zwischenstopp, falls man sich Buenos Aires von östlicher oder südlicher Seite her nähert. Gut angelegte Stellplätze finden sich 15 km nördlich der Stadt am Ufer des Rio de la Plata.

Da es in der Stadt von Buenos Aires keinen Campingplatz gibt und so nur die Möglichkeit auf Parkplätzen oder weit außerhalb der Stadt zu übernachten, haben wir im Stadtteil San Telmo ein Hotelzimmer bestellt. Parken ist kein Problem, obwohl sich Haus an Haus reiht, aber es gibt unzählige Möglichkeiten sein Auto auf einem bewachten Parkplatz abzustellen.
Allerdings müssen wir unsere Pläne für den Aufenthalt in der Stadt kurzfristig ändern, da Ralf wegen einer traurigen Nachricht unverzüglich nach Deutschland fliegen muss. Also suchen wir in der Kürze der Zeit, einen Flug, was sich als nicht wirklich leicht herausstellt, wenn man nicht die unverschämten  1.700 Euro mit der Lufthansa als Direktflug buchen will. Außerdem benötigen wir für Herrn Fuchs nun doch noch einen anderen Stellplatz, da sich hier die Parkgebühren mit der Dauer doch zu sehr summieren würden. Wir finden einen sicher erscheinenden Platz außerhalb der Stadt und machen uns dahin auf den Weg durch die 3-Millionen-Metropole. Der Verkehr hält sich um die Mittagszeit zum Glück in Grenzen. Richtig aufpassen müssen wir trotzdem. Es gibt unzählige Straßen und Spuren und da einfach mal die Spur zu wechseln ist für ein Fahrzeug von Herrn Fuchs Größe nicht ohne Risiko möglich. Zwischen den Fahrzeugen und vielen Taxen, deren Fahrer an und für sich leidlich vernünftig fahren, drängeln aber unzählige Mopeds links und rechts neben uns durch die wartenden Fahrzeuge. Obwohl es manchmal recht eng zwischen den Fahrzeugen ist, findet ein Zweiradfahrer dennoch immer einen Weg, um sich dazwischen zu quetschen. Glücklicherweise geht ein Teil der Strecke über die Autobahn. Doch genau an der Auffahrt will uns eine rote Ampel daran hindern aufzufahren – natürlich haben wir keinen Tele-Pass, so dass unser Nummernschild nicht registriert ist. Eine andere Zahlmöglichkeit gibt es hier aber nicht, so dass wir einfach weiterfahren. Keinen interessiert es. Bei der Ausfahrt bezahlen wir normal unsere Mautgebühren und alles scheint in Ordnung zu sein. Herr Fuchs findet einen ordentlichen Stellplatz für die nächsten Wochen und wir müssen mit den „Öffentlichen“ zurück. Während der Bus fast leer ist, drängen sich die Menschenmassen an der Metrostation. Um überhaupt mitzukommen, ist mitdrängeln unabdingbar. Ralf hat da langjährige Berlinerfahrung und Annett wird einfach mit vorgeschoben.
Die nun folgenden Erkundungen durch die Stadt hat Annett zum großen Teilen allein gemacht – machen müssen. Dennoch verbringen wir danach auch noch zwei Tage gemeinsam in der wirklich sehenswerten Stadt mit enorm vielfältiger und großartiger Bausubstanz, einer Mischung aus Paris, Genua und Hamburg mit dem zumindest zeitweise spürbaren südamerikanischen Flair. Der Vorteil für Ralf: Annett kennt sich nach über einer Woche hier bestens aus und er bekommt die schönsten Stellen der Metropole sozusagen im Konzentrat noch einmal präsentiert, so dass er bei den Beschreibungen zumindest mitreden kann. Aber nun für den interessierten Leser mal der Reihe nach:
Nachdem Ralf am nächsten Tag in Richtung Heimat startet, macht Annett sich auf, das Stadtviertel La Boca zu erkunden. In dem Arbeiterviertel leben hauptsächlich Einheimische. In der Mitte des 19. Jh. wurde La Boca Heimat vieler spanischer und italienischer Einwanderer, die in den vielen Konservenfabriken und Lagerhäusern arbeiteten. Nachdem sie die Frachtkähne aufgemöbelt hatten, spritzten sie die restliche Farbe auf die Wellblechwände ihrer Häuser und gerade dafür ist das Viertel heute berühmt.
Vom Hotel in San Telmo nach La Boca ist es nicht weit. Dennoch wird im Reiseführer davor gewarnt, sich abseits der Touristenpfade zu bewegen. Das geht zu Fuß nicht so ganz. Auf dem Weg sieht man doch ärmlichere Menschen in Mülltonnen wühlen und auf Parkbänken schlafen. Der Park ist mit einer Reihe Überwachungskameras ausgestattet und überall patrouillieren Polizisten. Auf dem Weg zu der bekanntesten Straße in La Boca, El Caminito, liegt das berühmte La Bombonera Stadion. In diesem Stadion, Heimat des Fußballklubs Boca Juniors Buenos Aires spielten und spielen viele argentinische Superstars, so auch der legendäre Diego Armando Maradona.
Das ursprüngliche La Boca besticht durch seine Farbenfreude, Häuser in altem Glanz und Tangomusik. Und so sieht Annett endlich ihre Tangotänzer, die hier zwar nicht spontan tanzen, sondern nur zum Anlocken für Touristen, aber immerhin. Man fühlt sich zurückversetzt in die Mitte des 19. Jh., sofern man in der Lage ist, die Ströme an Touristen, Reisebussen und Souvenirständen, auszublenden. Dennoch macht es Spaß, hier entlang zu bummeln und die Atmosphäre zu genießen.
Überall sind lebensgroße Kunststoffnachbildungen von Diego Maradona und dem aktuellen argentinischen Papst Franziskus zu finden. Letzterer spielt natürlich nicht für die Boca Juniors, sondern nunmehr in Rom…

Ganz anders geht es in Puerto Madero zu. Das jüngste der 48 Stadtviertel von Buenos Aires erinnert ein wenig an die Speicherstadt in Hamburg. Hier kann man völlig entspannt an ehemaligen Lagerhallen entlang bummeln, die heute schicke Lofts, Büros oder Nobelrestaurants beherbergen. Nirgendwo in Buenos Aires sind die Immobilienpreise höher als hier. 1898 wurde der Hafen mit stark überschrittenem Budget (Warum soll es hier anders sein als bei uns?) fertiggestellt. Allerdings schon 12 Jahre später war er für die viele Fracht zu klein geworden und es wurde in Retiro ein neuer gebaut. Heute führt ein gemütlicher Weg am Ufer des Flusses entlang und bietet tolle Ausblicke, vorbei an dem 85 m langen Segelschiff, der „Fragato Sarmiento“, auf dem mehr als 23.000 Schiffskadetten und Marineoffiziere ausgebildet wurden und das die Welt 37 Mal umsegelte. Was für eine Leistung! Unweit davon ist das 46 m lange Kriegsschiff „Corbeta Uruguay“ zu finden. Es wurde zur Patrouille an der Küste eingesetzt und versorgte den Stützpunkt in der Antarktis mit Nachschub bevor man es nach 52 Jahren 1926 ausrangierte. Besonders stolz ist man in Puerto Madero auf die Puente de la Mujer. Die Brücke ist das Vorzeigeobjekt schlechthin. Das dieses Bauwerk ein Paar beim Tango tanzen darstellen soll, können vermutlich nur extrem phantasievolle Menschen erkennen, zu denen wir offensichtlich nicht zählen, denn wir erkennen die Bedeutung beim besten Willen nicht.
Doch obwohl das Viertel sehr nobel erscheint, herrscht auch hier natürlich nicht nur Wohlstand. Als Annett im Vorraum der Bank Geld am Automaten abhebt und froh ist, welches bekommen zu haben, wenn auch zu noch unverschämteren Gebühren als sonst, und sich umdreht, bekommt sie einen Riesenschreck als in der Ecke neben dem Automaten ein Obdachloser eingekuschelt in seine Decken schläft. Aber der gute Mann hat so gar nichts mitbekommen, sondern schläft einfach nur friedlich.

In San Telmo findet am Sonntag die berühmte feria, der Straßenmarkt, statt. Rundum die Plaza Dorrego und in den angrenzenden Seitenstraßen sind Unmengen an Marktständen zu finden, an denen, wie Ralf sagen würde, „Alles und Nichts“, also allerlei Trödel verkauft wird. Neben der Möglichkeit, mehr oder weniger sinnvolles zu kaufen, kann man die Zeit in einem der Cafés oder Restaurants verbringen, die hier angrenzen, und die überall ihre Tische und Stühle draußen aufgestellt haben, damit man das Geschehen zu genüge beobachten kann. Außerdem sind an jeder Ecke Straßenkünstler zu finden, die das Publikum mit Tango, Gesang, Musik, Marionetten- oder Schauspiel unterhalten. Wem der Trubel nicht ausreicht, der kann sich weiter entlang der Straße Defensa begeben, wo sich links und rechts der Straße weitere unzählige Marktstände bis zur Plaza de Mayo hinziehen. Auch hier gibt es alles, was das Herz begehrt, von Bekleidung aller Art, über Taschen, Schmuck, Masken, gehäkelten Puppen, Tieren und Kakteen, Souvenirs, Traumfängern bis hin zu den berühmten Comicfiguren Argentiniens. Viele dieser Dinge sind von den hier ansässigen Künstlern geschaffen wurden. Diese nutzen auch gleich den Markt für eine kleine Demonstration. In der Regel können die Künstler von ihrer Arbeit gut leben. Aber die derzeitige Regierung möchte diese Art der Kunst und den Verkauf auf den Straßenmärkten unterbinden (warum eigentlich?!). Seit deren Machtantritt hat sich nach Gehörtem vieles verschlechtert in Argentinien, die Arbeitslosigkeit steigt. Darauf möchten die Künstler aufmerksam machen. So dient das Aufgebot an Polizei an dem Tag somit wahrscheinlich nicht nur der Sicherheit der Touristen, sondern auch der Überwachung der Demonstranten.

Am Rosenmontag schüttet es aus allen Kannen. Am Nachmittag soll an der Plaza de Mayo eine Karnevalsveranstaltung stattfinden und Annett möchte mal vorbeischauen. Aber bei dem Wetter? Gegen Mittag hat es erst einmal aufgehört mit Regnen, aber es sieht ziemlich dunkel aus. Annett entschließt sich dennoch aufzubrechen. Die nette Rezeptionistin leiht ihr sogar ihren privaten Regenschirm aus. Natürlich regnet es dann nicht mehr. Na, umso besser. Die Karnevalsveranstaltung ist aber ziemlich langatmig. Als erstes wird eine brasilianische Faschingstruppe auf die Straße geschickt. Sie tanzen und musizieren, alles gut. Allerdings bewegen sie sich zeitlupenmäßig durch die Straße, so dass sich die Wartenden ganze 45 Minuten gedulden müssen bis es weitergeht mit dem Programm. Bis dahin verfolgen sie die Faschingstruppe auf der großen Leinwand auf der Bühne. Ansonsten passiert nichts. Für die nächsten 30 Minuten kommt eine bolivianische Rockgruppe. Während alle Menschen erst hinter den Absperrungen zurückbleiben mussten, werden sie nun aufgefordert, auf die Straße zu treten. Na ja, die Musik ist wie immer Geschmackssache. Die Argentinier und auch Touristen erscheinen irgendwie nicht so recht in Feierstimmung zu sein. Die meisten stehen mehr oder wenig gelangweilt herum. Von Faschingsstimmung á la Köln oder Mainz keine Spur. Kostüme sind ohnehin nicht angesagt. Einzige Abwechslung sind die Kinder. Anscheinend ist es „in“, sich mit Schaum aus Sprayflaschen voll zu sprühen und man muss aufpassen, nichts davon abzubekommen. Für den Umzug stehen dann vielleicht 6 verschiedene Faschingsgruppen bereit, die nun losmarschieren und sich präsentieren. Kein Aha-Erlebnis, da sind die Brasilianer sicher besser.
Ein „Erlebnis anderer Art“ ist der sogenannte Comic Walk. Auf diesem werden die wichtigsten argentinischen Comicfiguren geehrt (die allerdings in die Jahre gekommen erscheinen), welche sich im Land offensichtlich immer noch großer Beliebtheit erfreuen bzw. erfreuten, denn die Argentinier lassen sich gerne mit ihnen fotografieren. Vielleicht waren oder sind sie ähnlich populär wie bei uns früher Frau Elster und (natürlich!) Herr Fuchs.

Recoleta ist eines der exclusivsten und schicksten Wohnviertel der Stadt, wo sich auch die reichsten Bürger von Buenos Aires niedergelassen haben. In den 1870er Jahren zogen viele von ihnen während einer Gelbfieberepidemie von San Telmo hierher um. Viele alte Herrschaftshäuser sowie neue und vor allem teure Boutiquen sind zu bestaunen. Namensgeber für das Viertel waren die Recoleto-Möchne, die hier 1732 die erste Kirche des Viertels bauten, die Basilica de Nuestra Señora del Pilar. Diese steht direkt neben dem Eingang zum berühmten Cementerio de la Recoleta, wegen dem viele Touristen hierherkommen. Das ist aber nicht nur irgendein Friedhof. Nein, es ist eine ganze Totenstadt, die sich über 50.000 m² erstreckt. Es gibt unzählige „Straßen“, die von etwa 4.800 Marmormausoleen gesäumt sind. Hier finden sich die Ruhestätten zahlreicher wohlhabender und prominenter Einwohner, aber auch argentinische Präsidenten, Profisportler, Wissenschaftler und Schauspieler. Zu den bekanntesten Ruhenden zählt die zweite Ehefrau von Juan Perón, Eva Perón oder eher bekannt unter dem Namen Evita. Reiche Familien ließen prächtige Mausoleen unterschiedlichster Architektur bauen, in denen sogar die Urnen und Särge zu sehen sind. Ziel war, sie sollten lange vom irdischen Ruhm und Reichtum der Verstorbenen künden. Wie immer auf den Nobel-Friedhöfen ein wenig renitent. Das meistbesuchte und doch im Vergleich recht unscheinbare Grab ist sicherlich das von Evita, die von den Armen und Bedürftigen verehrt wurde, ob nun berechtigt oder nicht.
An den angrenzenden Straßen reiht sich ein Restaurant ans andere. Auch ein Bummel durch die Einkaufsmall oder über den Kunsthandwerkermarkt lohnen sich. Durch die angrenzenden Parkanlagen gelangt man zur Flores Genérica, einer 23 m hohen und 18 Tonnen schweren Blumenskulptur aus Stahl und Aluminium, deren Blütenblätter sich nachts schließen.

Das Microcenter ist das Herz der Stadt. Wer so richtigen Trubel braucht, muss hier durchlaufen. Die Menschen hasten durch die Straßen und die Autos fahren auch nicht zimperlich. Geschmacksache, aber wer wirklich prächtige historische Gebäude sehen will, muss da durch. An der Plaza de Mayo gibt es einige davon. Das Wichtigste ist sicher die Casa Rosada, der Amtssitz des Präsidenten. Hier vom Balkon aus hielt Evita die berühmten Reden vor ihren begeisterten Anhängern. Warum das Haus rosa ist, dazu gibt es mehrere Theorien. Eine besagt, dass der Präsident Sarmiento während seiner Amtszeit 1868 bis 1874 den Frieden erreichen wollte, indem das Rot der Föderalisten mit dem Weiß der Unitarier gemischt wurde. Eine andere Theorie sagt, dass der Palast mit Rinderblut gestrichen wurde, was zu der Zeit wohl ganz normal war.
An der rechten Seite des Platzes befindet sich die Kathedrale Metropolitana. Sie war bis 2013 Sitz des jetzigen Papstes Franziskus, der überall in der Stadt auf Bildern und durch Statuen verehrt wird. Durch den Säulenvorbau erinnert das Gebäude eigentlich eher an einen antiken Tempel als an eine katholische Kirche. Das dritte Gebäude in der Runde ist das Cabildo. In der Mitte des 18. Jahrhunderts war es das Rathaus, heute ist es ein Museum. Vom Balkon im zweiten Stock hat man einen schönen Blick auf die Plaza. Auch ansonsten sind in der Gegend herrliche Häuser im Kolonialstil vom Feinsten zu sehen. Ein bisschen versprühen sie Pariser Flair.
Interessant ist eine Führung im Palacio Barolo im Stadtviertel Congreso. Das Gebäude, 1923 vollendet, gehört mit seinen 22 Etagen zu den auffälligsten im Viertel und zeigt sich von Dantes „Göttlicher Komödie“ beeinflusst. Seine Höhe (100 m) huldigt einen jeden Gesang, die Anzahl der Etagen (22) entspricht den Versen pro Lied, und die 3gliedrige Struktur symbolisiert Hölle, Fegefeuer und Himmel. Ganz oben befindet sich ein Leuchtturm(!), von dem sich ein toller 360°-Panoramablick über die ganze Stadt entfaltet. Um da hoch zu gelangen, muss man mehrere Stockwerke über eine sehr schmale und enge Wendeltreppe klettern. Im Leuchtturm ist gerade so viel Platz, dass sich alle Besucher der Führung nebeneinander hinsetzen können. Der Wind pfeift ganz schön und es ist schon ein etwas mulmiges Gefühl so oberhalb der Stadt nur hinter einer Glaswand zu sitzen. Der Leuchtturm zeigt übrigens in Richtung Montevideo, der Hauptstadt Uruguays. Dort steht das Zwillingsgebäude des Barolo, der Palacio Salvo. Beide Gebäude wurden von dem italienischen Architekten Mario Palanti entworfen.
Ein Stück weiter Richtung Plaza del Congreso befindet sich, wie könnte es anders sein, der beeindruckende Palacio del Congreso. Er wurde dem Capitol in Washington D.C. nachempfunden und 1906 vollendet. Ein wirklich tolles Bauwerk. Weiter geht es durch die Stadt zum Theater Colón. Auch dies ein wunderschöne Gebäude mit 2.500 Sitzplätzen und 500 Stehplätzen, zählt zu den bekanntesten Wahrzeichen von Buenos Aires und hat eine der besten Akustiken weltweit. Hier sangen Enrico Caruso und Maria Callas, die Orchester dirigierten Strauss und Strawinsky. Es gilt als die bedeutendste Bühne der Stadt und ist die einzige Einrichtung dieser Art im ganzen Land. Hier gibt es Oper, klassische Musik und Ballett. Beim anschließenden Bummel auf der Florida, der Haupteinkaufsstraße von Buenos Aires, ist man so richtig drin im Getümmel. Menschen rennen die Straße entlang, bettelnden Frauen mit ihren Kindern warten darauf, dass sich jemand erbarmt, Obdachlose liegen auf ihren armseligen Decken in jeder Ecke und alle paar Meter schreit es „Cambio, cambio“. Kaum vorstellbar, dass hier wirklich jemand auf der Straße sein Geld tauschen möchte.

Die Reserva Ecológica Costanera Sur ist ein 350 ha große Naturschutzgebiet und für Besucher von Buenos Aires sicherlich nicht die erste Anlaufstelle, wer aber länger in der Stadt ist oder etwas Ruhe von dem ganzen Trubel braucht, der ist hier richtig. Es sind wirklich schöne Wanderwege angelegt, es gibt viele Picknickstellen, aber auch kleine Tiere, wie Schildkröten, Echsen und Biber. Durch die Luft schwirren Schmetterlinge und Libellen. Außerdem kann der Rio de la Plata ganz aus der Nähe betrachtet werden. Dieser ist wirklich riesig, wirkt aber durch den schlammigen Untergrund eher schmutzig. Auf ein Bad in ihm verzichten wir gern. Dennoch lässt es sich gut spazieren gehen und ein wenig erholen.
Retiro ist ein weiteres Stadtviertel von BA, von denen es immerhin 48 Stück gibt. Dieses hier gehört wohl zu den edelsten Vierteln. An der Plaza San Martin, die natürlich auch das obligatorische Reiterstandbild von José de San Martin, dem Befreier Argentiniens, vorweisen kann, stehen einige wirklich beeindruckende öffentliche Gebäude. Gegenüber der Plaza findet sich der 76 m hohe Torre Monumental, eine Miniaturausgabe des Big Ben in London. Er ist eine Spende der britischen Gemeinde von 1916. Die für den Bau erforderlichen Materialien wurden extra aus England herüber gebracht. Über die Haupteinkaufsstraße Florida geht es wieder zurück ins Zentrum. Am Wochenende lässt es sich hier weitaus entspannter entlangbummeln als in der Woche. Es sind viel weniger Menschen unterwegs und auch diese laufen eher gemächlich die Straße lang.
Das Stadtviertel Palermo ist noch viel grüner als der Rest der Stadt. Überall grünt es und es gibt wieder weitläufige Parkanlagen, wie so oft mit Denkmälern geschmückt. Hier tummeln sich allerdings Massen an Hunden, wobei immer 5 oder 6 zu einer Person gehören. Diese Hundefreundlichkeit ist auch schon in San Telmo aufgefallen, aber halten die sich alle so viele Hunde? Die Lösung ist wie meist ganz einfach. Diese Hunde werden zuhause abgeholt und es wird dann im Rudel mit ihnen spazieren gegangen. Annett sieht nämlich wie ein Hund an einer Haustür abgegeben wird. Damit lässt sich anscheinend auch Geld verdienen. In Palermo Viejo kann man wunderbar bummeln. Es gibt urige Kneippen, gemütliche Cafés und teure Geschäfte. Am Vormittag ist es ziemlich ruhig, das Leben beginnt wie so oft in Südamerika erst am Abend so richtig.

Alles in Allem finden wir in Argentiniens Hauptstadt eine wahre Weltmetropole, die durch ihre vielfältige und teils grandiose Architektur und eine sehr gute Infrastruktur diesen Namen verdient hat. Vielleicht muss man nicht wie Annett (gezwungenermaßen) fast zwei Wochen hier verbringen, aber ein paar Tage lohnen sich auf jeden Fall.