15.03. bis 24.03.19 – Iguázu-Fälle und Rio de Janeiro

Nach der unfreiwilligen Verlängerung unseres Aufenthaltes in Buenos Aires legen wir nun einige „Flugetappen“ zwischendurch ein, um uns noch zwei besondere Highlights in Brasilien ansehen zu können.
Die Wasserfälle von Iguázu gehören zu den beeindruckendsten Naturschauspielen der Erde und sind mit fast 3 km (allerdings unterbrochener) Breite die breitesten der Welt, im Durchschnitt um die 60 bis 80 m hoch. Ein Vergleich mit den vielleicht noch gigantischer wirkenden Victoriafällen des Sambesi an der Grenze von Simbabwe und Sambia, die mit 110 m tiefer hinabrauschen und auch die breitesten (1,7 km) zusammenhängenden (das bestimmt entscheidend den Eindruck) Fälle der Erde sind, tut sich hier auf. Wieder mal ein Privileg für uns, denn gemeinsam mit den Niagara-Fällen zwischen dem US-Bundesstaat New York und dem kanadischen Ontario haben wir damit die drei berühmtesten herabstürzenden Wassermassen der Welt sehen dürfen.
Die Wasserfälle von Iguázu liegen zwischen Argentinien und Brasilien in einem Nationalpark, der größtenteils aus Regenwald besteht. Die brasilianische und die argentinische Seite bieten jeweils einen ziemlich unterschiedlichen Blickwinkel auf die Fälle.
Wir beziehen unser Quartier auf der brasilianischen Seite und besichtigen zuerst dort die Wasserfälle. Da die meisten Abbruchkanten in Argentinien liegen, ist von brasilianischer Seite ein besserer Panoramablick möglich. Die Fälle bestehen aus 20 größeren und 255 kleineren Wasserfällen, die der gleichnamige Fluss an seiner von begrünten Inseln unterbrochenen breiten Abbruchkante bildet. Von gut angelegten Plattformen gelangen wir vor allem seitlich sehr nah an die Fälle heran und können die gigantischen Wassermassen fast zum Greifen nah erleben. An manchen Stellen wird man allerdings ganz schön nass, ein guter Regenumhang und entsprechender Kameraschutz sind zu empfehlen.
Die argentinische Seite, und entsprechend zurück, erreichen wir mit dem Taxi, welches während der unkomplizierten Grenzprozeduren (die Argentinier nehmen die Pässe zum Abstempeln einfach aus dem Auto an) auf uns wartet. Hier kommen wir auf mehreren toll angelegten Wanderwegen auf breiter Strecke an einem Teil der Fälle vorbei und sehen vor allem die Längsausdehnung in ihrer ganzen Dimension. Einige Trails führen über die Abbruchkante hinweg oder sehr nah an diese heran, so dass wir hautnah die Gewalt der Wassermengen erleben können. Mit einem Zug fahren wir zur Garganta del Diablo, zur Teufelskehle. Die Plattform liegt direkt über der in die Tiefe stürzenden Kaskade über die u-förmig verlaufende Abbruchkante – ein tosendes Inferno. Durch das wieder tropische Klima haben wir meist über 30°C und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit. In den so entstehenden Iguazú-Regenwäldern, durch die wir im Nationalpark auf beiden Seiten zum Teil hindurchwandern, gibt es Pumas, Jaguare, Tapire und Reptilien, die wir allerdings allesamt nicht zu Gesicht bekommen. Umso mehr sehen wir von den allgegenwärtigen Nasenbären, die fast handzahm überall in der Nähe des Menschen auf schnelle Beute in Abfalleimern, aber auch in abgestellten Rucksäcken lauern. Wenn es allerdings um Futter geht, werden sie schnell einmal ungemütlich und es gibt in beiden Parks Sanitätsstationen zur Versorgung von Verletzungen durch Nasenbärenbisse.
Jeweils einen Tag sollte man für jede Seite der Fälle schon einplanen, natürlich ist das Schauspiel bei Sonnenschein und blauem Himmel noch beeindruckender, was leider nicht immer planbar ist. Daher empfehlen wir, wenn machbar, ein paar Tage mehr hier zu verbringen und bei stark bewölktem Wetter oder Regenschauern lieber durch den Vogelpark nah der Fälle auf brasilianischer Seite, den wir ebenfalls besuchen, oder das Städtchen Foz do Iguázu (brasilianische Seite) zu schlendern. Allerdings bietet die Stadt nicht allzu viel, für einen Bummel und ein Restaurantbesuch reicht es aber.

Leider können wir über die Menschen in Brasilien nur recht wenig berichten, da wir nur zwei Stationen angeflogen sind. Auch das war ein Vorteil unserer langen Autoreise bisher, der stetige Kontakt zu den Einheimischen, die wir so meist recht gut kennengelernt haben. Was wir sagen können: Das brasilianische Portugiesisch wirkt von der Aussprache her sehr fremd und hat mit dem Spanischen offensichtlich recht wenig gemeinsam. Zumindest werden die paar Worte Spanisch, die wir mittlerweile sprechen, kaum verstanden. Mit Englisch kommen wir ebenfalls nicht weit, dies wird noch nicht einmal von den meisten Hotelangestellten beherrscht, was uns schon verwundert. Im Hotel im Zentrum von Rio de Janeiro sprechen zumindest einige Rezeptionisten dann aber doch Englisch, was einiges erleichtert.
Am 1. Januar 1502 entdeckten portugiesische Seefahrer die Guanabara-Bucht, hielten sie aber zunächst für eine Flussmündung. So entstand der Name Rio de Janeiro, „Fluss des Januars“. Schließlich gründeten die Portugiesen im Jahr 1565 unterhalb des Zuckerhutes die erste portugiesische Siedlung. In den folgenden 150 Jahren entwickelte sich Rio vor allem zu einem Exporthafen für Zucker, später stieg es mit der Entdeckung von Gold- und Edelsteinvorkommen zur wohlhabendsten Stadt in Brasilien auf.
Die Metropolregion Rio de Janeiro hat heute rund 13,3 Millionen Einwohner, im administrativen Stadtgebiet sind es noch 6,7 Millionen. Rio gehört damit zu den Megastädten dieser Erde und ist nach São Paulo die zweitgrößte Stadt Brasiliens.
Die Lage um die Guanabra-Bucht halten wir für absolut einmalig und sie macht die Stadt sicher zu einer der attraktivsten, die man auf dieser Welt besichtigen kann. Architektonisch hat die Innenstadt durchaus ihre Reize, auch wenn sie von der Bausubstanz nicht mit der Vielzahl der prächtigen Gebäude und Plätze von Buenos Aires mithalten kann. Insgesamt wirkt Rio im Gegensatz zur argentinischen Hauptstadt chaotischer, nicht mehr ganz so sauber – um es vorsichtig auszudrücken – und mit gefühlt deutlich mehr sozialem Sprengstoff. Eine Vielzahl von Obdachlosen säumt viele Straßenränder, es wird gebettelt und selbst in der Innenstadt sind sonst in solchen Zentren fast immer volle „Restaurants“ wie McDonalds und Burger King recht leer. Das weist auf fehlendes Geld auch unter den „durchschnittlichen“ Leuten hin.
Gut, wir haben drei Tage, womit fängt man in einer solchen Stadt an? Wir entscheiden nach dem Wetterbericht, der für unseren ersten Tag schon etwas Regen, aber zumindest am Nachmittag auch ein paar Sonnenstunden vorhersagt. Für die nächsten zwei Tage wird ausschließlich bewölktes Wetter mit teilweise Regen avisiert. Also entscheiden wir uns, den Zuckerhut als erstes anzufahren, in der Hoffnung, heute den besten Tag zu erwischen. Die Taxidichte in der Stadt ist beeindruckend, innerhalb weniger Sekunden bis höchstens Minuten hat man in der Regel ein offizielles gelb-schwarzes Taxi, welches einen zu jedem Ziel in der Stadt transportiert und das zu einem für unsere Verhältnisse recht mäßigem Preis. Man sollte jedoch darauf achten, dass das Taxameter genullt wird.
Der 396 Meter hohe Zuckerhut ist eines der Wahrzeichen der Stadt. Wir erreichen ihn durch eine Fahrt  mit der im Jahr 1913 in Betrieb genommenen und 2008 modernisierten Seilbahn, natürlich in der Schweiz produziert.
Von der Aussichtsplattform, die wir nach einer Zwischenstation am Morro da Urea (220 m) erreichen, ist der Ausblick über die Stadt wirklich phänomenal. Einige immer noch sehr tief liegende Wolken trüben das Bild etwas, aber dennoch: die Copacabana am Atlantik, der Morro de Corcovado mit der Christusstatue, die Bucht Guanabara, der Flughafen Santos Dumont und die fast vierzehn Kilometer lange Brücke von Rio nach Niteroi lassen sich in einem einmaligen Ambiente gut überblicken. Es ist tatsächlich die unvergleichliche Lage, die diesen Ort weltweit einmalig macht.

Und wir haben Glück: Gegen Mittag klart es mehr und mehr auf, zumindest wechseln sich Sonne und Wolken ab, so dass wir den Entschluss fassen, sofort zur Christusstatue aufzubrechen. Also am Fuße des Zuckerhutes wieder hinein in das nächstbeste Taxi.
Zum Granitkegel Morro de Corcovado, mit 710 Meter Höhe die drittgrößte Erhebung der Stadt, führt uns schließlich eine Zahnradbahn ziemlich steil in die Höhe.
Der Cristo Redentor (Christus der Erlöser), der mit seinen weit ausgebreiteten Armen die Stadt und deren Menschen segnet, ist das wohl bekannteste Wahrzeichen von Rio. Die 38 Meter hohe Betonstatue wiegt 1.145 Tonnen, die Spannweite der Arme beträgt 28 Meter. Durch die jetzt recht gute Sicht bietet sich hier eine nochmals ganz andere Perspektive über die Stadt und die Umgebung. Der Blick zum Zuckerhut in Richtung Atlantik, zur Copacabana, der Guanabara-Bucht sowie auf das Maracanã-Stadion, sind sicher einmalig.
Wir verbringen den großen Teil des Nachmittags hier oben, weil wir uns trotz der natürlich großen Zahl an Touristen, kaum von den Ausblicken losreißen können, die sich uns bieten.  Auch das dürfen wir sicher als einen der absoluten Höhepunkte unserer Reise bezeichnen und die Lage dieser Stadt wird nicht umsonst als eines der „Weltwunder“ gesehen.

Wie richtig die Entscheidung war, den Tag heute hier zu verbringen, zeigen die durchgehend bewölkten beiden nächsten Tage. Dennoch können wir auch bei bedecktem Himmel und regnerischen Wetter die Tage gut ausfüllen.
Welcher Fußballbegeisterte hat nicht noch das Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Erinnerung? Mit 320 Meter Länge und 280 Meter Breite ist das Maracanã-Stadion eines der größten der Welt und „der“ Fußball-Tempel schlechthin. Schon das legendäre Endspiel zwischen Brasilien und Uruguay 1950 fand hier statt, damals vor sage und schreibe 199.854 Zuschauern – ewiger Rekord. Damals war das Stadion noch für 200.000 Zuschauer zugelassen, heute passen aufgrund neuer Richtlinien und entsprechender Umbauten „nur“ noch fast 79.000 Zuschauer hinein.
Wir erreichen es recht gut und einfach mit der Metro, welche sich nach den Modernisierungen vor der WM 2014 bzw. den Olympischen Spielen 2016 in einem sehr gutem und modernen Zustand befindet. Schon im Eingangsbereich des Stadions finden wir eine Ausstellung mit Größen des brasilianischen und internationalen Fußballs, die natürlich alle hier schon gespielt haben: Pele, Garincha, Zico, Ronaldinho, Ronaldo, um nur einige zu nennen. Natürlich gibt es eine kleine Ausstellung vom WM-Finale 2014 mit einem großen Foto der Feier mit den deutschen Spielern.
Wir gönnen uns eine Führung, die abwechselnd in Spanisch, Portugiesisch und Englisch erfolgt und werden auch durch die Umkleidekabinen der Spieler, den Spielertunnel und natürlich ins Stadion geführt. Es prickelt schon irgendwie, wenn man wie die Weltmeister von 2014 durch den Spielertunnel das Stadion betritt. Dennoch, hier herrscht eine eher familiäre Atmosphäre und alles wirkt irgendwie kleiner, als man das von Fernsehaufnahmen her erwarten würde. Das liegt auch daran, das der Rasen fast unmittelbar an den ersten Zuschauerrängen beginnt, also keine Laufbahn dazwischen liegt – ein klassisches Fußballstadion eben. Die Ersatzbänke liegen tiefer als die Rasenoberfläche, so dass man von ihr aus die Spielerbeine in Kopfhöhe hat, und so das Spielgeschehen nicht besonders gut verfolgen kann. Kein Wunder, dass die Trainer sich ausschließlich in der Coachingzone aufhalten. Wenn sich Rios Lokalrivalen Flamengo und Fluminense zu ihren Duellen treffen, dann werden sie von den Zuschauern mit traditionellen Sambatrommeln angefeuert und mit Zeremonien mit toten Hühnern, Kerzen und Rauchbomben unterstützt. Der Besuch ist aber auch ohne Publikum ein beeindruckendes Erlebnis für uns, natürlich besonders für Ralf als Fußballbegeisterten.
Es bleibt stark bewölkt und hin und wieder gibt es einen Schauer tropischen Regens, der aber meist schnell wieder abklingt. Bei Temperaturen deutlich über 30°C ist das Alles aber gut zu ertragen. Mit der Metro erreichen wir relativ unkompliziert die Copacabana.
Man verbindet damit gemeinhin den vier Kilometer langen halbmondförmigen Sandstrand, die Brasilianer meinen damit aber das ganze Stadtviertel, in dem dieser liegt. Es geht uns beim Entlangschlendern an der Promenade oder am Strand so ähnlich wie damals in Malibu: Der Strand mag berühmt sein, schön ist er eher nicht. Das Ambiente wird bestimmt durch eine Reihe trister Hochhäuser und Wohnblocks gegenüber der Promenade und am Strand selber gibt es außer sehr vielen Fuß- und Volleyballfeldern nichts Besonderes zu berichten.

Auch am dritten Tag in Rio sehen wir die Sonne nur selten, bleiben aber während unseres Rundganges durch die Innenstadt und einem Teil des Hafenviertels zumindest trocken. Warm ist es ohnehin, so dass wir ganz schön ins Schwitzen kommen. Wir hatten ja schon erwähnt, dass die Bausubstanz nicht so prächtig ist, wie selbige in Buenos Aires. Das Bild wird oft bestimmt durch graue Wohnblocks und wenig attraktive Hochhausgebäude. Aber gibt es Ausnahmen, wie das Teatro Municipal, das Stadttheater im Stadtteil Cinelandia oder der Tiradentes-Palast in der Nähe des Hafens. Auch das Carioca-Aquädukt, bekannt als Bögen von Lapa, ist sehenswert. Es wurde im Jahr 1723 mit dem Ziel fertiggestellt, Wasser vom Carioca-Fluss zum Carioca-Platz zu fördern und speiste dort den berühmten Brunnen, aus dem die Sklaven Wasser für ihre Herren holten. So entwickelte sich der Carioca-Platz mit seiner altertümlichen Uhr zum Mittelpunkt des städtischen Lebens, was er bis heute geblieben ist.
Auch die mit unzähligen bunten Kacheln geschmückte steile Treppe Escadaria Selaron ist sehenswert und hier finden wir tatsächlich ein paar Touristen im Bereich der zentralen Stadt.
Das gesellschaftliche Leben in Rio ist geprägt durch die für Brasilien typische Mischung verschiedener Ethnien und einem sehr jungen Altersdurchschnitt. Mehr als 25 % der Menschen sind unter 18 Jahre und über 80 % unter 60 Jahre alt. Davon können wir in Deutschland nur träumen.
Erwartungsgemäß ist aber die soziale Situation alles andere als gut und von dramatischen Unterschieden gekennzeichnet. An den Hängen der Stadt befinden sich die Favelas, große, teils illegale Gebiete mit sehr ärmlicher Bebauung. In der größten Favela, Rocinha, am Südrand der Stadt leben 200.000 Menschen unter teils katastrophalen Bedingungen und sehr hoher Kriminalitätsrate. Diese ist wohl in ganz Rio ohnehin recht hoch, so auch die Mordrate, deren Aufklärung wohl nur in den wenigsten Fällen gelingt (zumindest lesen wir das). Kein Wunder, dass dadurch die Hemmschwelle für entsprechende Taten noch niedriger liegt. Vielleicht auch aus diesen Gründen sehen wir in der Downtown kaum Touristen, selbst die Gruppen der Pauschalurlauber konzentrieren sich wohl auf Zuckerhut und Cristo-Statue. Eigentlich schade, denn den wirklichen Charakter der Stadt lernt man nur kennen, wenn man sich auch andere Stadtteile ansieht. Wir haben den Eindruck: Wer sich auf den gängigen Hauptstraßen aufhält, dunkle Ecken und natürlich die Favelas vermeidet, nur die offiziellen Taxis oder die Metro nutzt und vor Einbruch der Dunkelheit wieder im Hotel ist, kann sich auch durch Rio mit überschaubarem Risiko bewegen. Uns jedenfalls haben die drei Tage sehr gut gefallen. Wir haben nicht nur eine der interessantesten Städte dieser Erde in ihrer einmaligen Lage gesehen, sondern einen gewissen, wenn auch kurzen Einblick in die brasilianische Lebensart erhalten.